Süd­ame­ri­ka – fas­zi­nie­ren­de Frem­de und groß­ar­ti­ge Herz­lich­keit

Mit Trä­nen in den Augen schaue ich hin­un­ter auf die Anden, als der Flie­ger in San­tia­go abhebt. Vier Mona­te Süd­ame­ri­ka lie­gen hin­ter uns. Vier Mona­te reich an Ein­drü­cken, vier Mona­te vol­ler Begeg­nun­gen und Erfah­run­gen. 

Salar de Uyuni im ersten Morgenlicht

Salar de Uyu­ni im ers­ten Mor­gen­licht

Land­schaf­ten, Städ­te und Sights

Wir haben atem­be­rau­ben­de Land­schaf­ten gese­hen: die ent­spann­te Ruhe in den Este­ros de Iberá, die Urge­walt der Igua­zú-Fäl­le, die unglaub­li­chen Far­ben der Queb­ra­da de Huma­hu­a­ca, die unfass­ba­re Wei­te der Salar de Uyu­ni, den aus­ge­dehn­ten Titi­ca­ca­see, die trä­ge Schwü­le des Ama­zo­nas-Dschun­gels, die vie­len Facet­ten der Ata­ca­ma-Wüs­te, immer wie­der die majes­tä­ti­schen Anden­gip­fel und die abge­schie­de­ne Oster­in­sel.

Wir haben Städ­te lie­ben gelernt: Bue­nos Aires mit sei­nem pul­sie­ren­den Leben, Sal­ta mit den Oran­gen­bäu­men und der kolo­nia­len Archi­tek­tur, La Paz mit der spek­ta­ku­lä­ren Lage und den indi­ge­nen Händ­le­rin­nen, Are­qui­pa mit den hüb­schen, wei­ßen Gebäu­den und das zau­ber­haf­te Iqui­que zwi­schen Pazi­fik und Anden. Ande­re Städ­te haben uns ent­täuscht wie Rosa­rio, das im grau­en Wet­ter kei­nen Charme erken­nen ließ oder Cus­co, das im hek­ti­schen Tou­ris­ten­tru­bel ver­sank.

Bue­nos Aires

Wir haben die Zeug­nis­se von ver­gan­ge­nen Höhe­punk­ten mensch­li­cher Kul­tur bestaunt: die jesui­ti­schen Mis­sio­nen in Para­gu­ay, die spär­li­chen Über­res­te von Tiwa­n­a­ku, einer Anden-Hoch­kul­tur, die viel län­ger als die der Inka bestan­den hat, das geheim­nis­vol­le Machu Pic­chu, Archi­tek­tur und Mumi­en der Inka­kul­tur, die ros­ten­den Rui­nen von Hum­ber­stone und die mys­ti­schen Sta­tu­en der Oster­in­sel. 

Und sonst? – Was uns wirk­lich fas­zi­niert

Dabei stell­ten wir fest, dass irgend­wann eine Sät­ti­gung ein­trat. Wir konn­ten nicht ein tou­ris­ti­sches High­light nach dem ande­ren bewun­dern. Irgend­wann war die Auf­nah­me­fä­hig­keit begrenzt, so dass das ganz gro­ße Stau­nen aus­blieb. Wie stell­ten fest, dass wir Pau­sen brauch­ten, in denen wir uns ein­fach nur trei­ben lie­ßen.  


Ein­fach mal nix tun…

Am Fas­zi­nie­rends­ten war es, uns in das fremd­ar­ti­ge Leben ein­zu­fü­gen. Uns im Cha­os des süd­ame­ri­ka­ni­schen Stra­ßen­ver­kehrs zurecht­zu­fin­den. Sich an die all­ge­gen­wär­ti­ge Lärm­ku­lis­se zu gewöh­nen. Frem­des, exo­ti­sches Essen zu genie­ßen – und auch Bekann­tes zu ver­mis­sen. Mit ein­fa­chen sani­tä­ren Bedin­gun­gen klar­zu­kom­men, was über­ra­schend gut gelang, da der hygie­ni­sche Stan­dard fast immer gut war.

Und letzt­end­lich die Begeg­nun­gen mit den Men­schen. Die Wut und Frus­tra­ti­on vie­ler Argen­ti­ni­er über die ver­zwei­fel­te wirt­schaft­li­che Lage zu erfah­ren, gleich­zei­tig ihre Lebens­freu­de mit­zu­be­kom­men. Zu sehen, wie Men­schen in abge­le­gens­ten Orten ihr Leben gestal­ten.

Uro-Fami­lie auf den schwim­men­den Inseln bei Puno, Perú

Von unse­rem boli­via­ni­schen Gui­de das elen­de Dorf gezeigt zu bekom­men, aus dem sei­ne Eltern stam­men. Der bra­si­lia­ni­sche Schau­spie­ler, der in La Paz lebt und für Klaus Kin­ski schwärm­te. Den Wut­aus­bruch des perua­ni­schen Fah­rers zu erle­ben, weil sei­ne Kol­le­gen eine hal­be Stun­de spä­ter als ver­ein­bart mit uns ein­tra­fen. Und das Befrem­den dar­über, als er über sei­ne fau­len, undis­zi­pli­nier­ten Lands­leu­te räso­nier­te und die Dis­zi­plin des Hit­ler-Deutsch­lands als leuch­ten­des Bei­spiel anführ­te. Das chi­le­ni­sche Fami­li­en­le­ben in unse­rem Airb­nb in Iqui­que mit den kom­mu­ni­ka­ti­ven gemein­sa­men Abend­essen. Und die ent­spann­te Süd­see-Gelas­sen­heit unse­res Hos­tel­wir­tes auf Rapa Nui. Was durch­gän­gig war: die aus­ge­such­te Höf­lich­keit und Rück­sicht­nah­me im Umgang mit­ein­an­der, die wir bei uns in Euro­pa längst nicht mehr so ken­nen. 

Oft wer­den wir gefragt, ob wir uns sicher gefühlt haben. Ja, haben wir. Auch wenn wir schon mal ein mul­mi­ges Gefühl hat­ten, als wir uns in Stadt­tei­le ver­irrt haben, vor denen der Rei­se­füh­rer warn­te. Uns ist nie etwas Unan­ge­neh­mes zuge­sto­ßen. Im Gegen­teil haben wir viel Hilfs­be­reit­schaft und auch Sor­ge um unser Wohl erfah­ren, gut gemein­te War­nun­gen, teils von Wild­frem­den. Selbst­ver­ständ­lich haben wir dar­auf geach­tet, durch unser Ver­hal­ten ein siche­res Rei­sen zu gewähr­leis­ten.

Die weni­ger schö­nen Sei­ten

Natür­lich gab es nicht nur Schö­nes. Die bei­ßen­de Käl­te des Alti­pla­no hat uns zuge­setzt und zu einem höhe­ren Rei­se­tem­po  (wir woll­ten end­lich wie­der ins War­me!) geführt, als uns gut­tat.

Dick ein­ge­packt und trotz­dem gefro­ren: bit­ter­kal­ter Alti­pla­no

Die Armut bedrück­te uns und die Müll­ber­ge über­all lie­ßen uns an der mensch­li­chen Natur ver­zwei­feln. Manch­mal war der Gestank uner­träg­lich, wenn Gas­sen und Haus­wän­de als Pis­soirs miss­braucht wur­den. Letzt­end­lich hat jedoch die Wär­me und Herz­lich­keit der Men­schen vie­les wie­der auf­ge­wo­gen.

Was wir beim nächs­ten Mal anders machen wür­den

Wür­den wir etwas anders machen? Ja, das ein oder ande­re. Wir haben öfters mit dem Wet­ter geha­dert. Zum einen hat­ten wir Pech, es war ein über­durch­schnitt­lich schlech­ter Herbst und Win­ter in Süd­ame­ri­ka. Ande­rer­seits war es eben Win­ter. Hät­ten wir uns bes­ser infor­miert, hät­ten wir ver­mut­lich anders geplant. 

Wir wür­den mehr Street­food oder auf den Märk­ten essen. Da haben wir uns erst rela­tiv spät ran­ge­traut. Es war defi­ni­tiv gut und dabei preis­wert. Krank gewor­den sind wir kein ein­zi­ges Mal davon. Es hät­te natür­lich pas­sie­ren kön­nen. Das ein­zi­ge Mal jedoch, an dem wir ein biss­chen Darm­pro­ble­me hat­ten, war als wir in „rich­ti­gen” Restau­rants geges­sen haben. 

Noch etwas, was wir dem­nächst anders machen wer­den, ist mög­lichst wenig orga­ni­sier­te Tou­ren zu buchen. Es gibt Din­ge, die man nur im Rah­men einer Tour machen kann. Alles ande­re wol­len wir uns lie­ber auf eige­ne Faust erobern. Wir sind kei­ne Fans von Grup­pen und möch­ten kei­nen star­ren Zeit­rah­men vor­ge­ge­ben bekom­men, wie das bei Tou­ren zwangs­läu­fig der Fall ist. Wir lie­ben es, Orte selbst zu erkun­den; aus­zu­tüf­teln, wie wir dort­hin kom­men; uns in der Zeit zu ver­lie­ren.

Vier Mona­te sind nicht genug. Süd­ame­ri­ka, wir kom­men wie­der! (G)


Frei wie ein Con­dor: so rei­sen wir ger­ne