Das Rei­sen bil­det sehr;
es ent­wöhnt von allen Vor­ur­tei­len des Vol­kes,
des Glau­bens, der Fami­lie, der Erzie­hung.
Imma­nu­el Kant

Wir bli­cken auf eine lan­ge Zeit des Rei­sens zurück. Zäh­len wir die Fami­li­en­ur­lau­be, die uns als Kin­der nach Ita­li­en oder Hol­land brach­ten, dazu sind es gute 50 Jah­re. Mann, sind wir alt!
Jeden­falls eine gute Basis, um zurück­zu­bli­cken und uns zu fra­gen: Was hat das Rei­sen mit uns gemacht? Stimmt das Zitat von Kant, dass Rei­sen bil­det?

Unse­re bis­he­ri­gen Rei­sen

Lan­ge Jahr­zehn­te waren unse­re Urlau­be auf den euro­päi­schen Raum beschränkt. Die ein­zi­ge Aus­nah­me war ein Ver­wand­ten­be­such in den USA, den ich als 15-Jäh­ri­ge mach­te. Er brach­te mich schon mit einer völ­lig ande­ren Bild von Ame­ri­ka zurück, als das, mit dem ich gestar­tet war.
Erst 2008 wei­te­ten wir unse­ren Rei­se­ho­ri­zont auf Fern­rei­sen aus. USA, Chi­le und Kuba wur­den unse­rer Zie­le, bis wir schließ­lich 2016 zu unse­rer ein­jäh­ri­gen Welt­rei­se auf­bra­chen. Die­se Lang­zeit­rei­se hat sicher die tief­grei­fends­ten Ver­än­de­run­gen in uns bewirkt.

Rei­sen bil­det – im klas­si­schen Sin­ne

Als ers­tes den­ken wir beim Spruch „Rei­sen bil­det“ an die Kennt­nis­se, die wir beim Rei­sen erwer­ben.

Sprach­kennt­nis­se

Welt­weit ist es unum­gäng­lich, sich auf Eng­lisch zu ver­stän­di­gen. Auch wenn wir bei­de nicht unbe­schla­gen in der Welt­spra­che waren, führ­te doch die Anwen­dung in ganz prak­ti­schen Din­gen zu höhe­rer Sprach­kom­pe­tenz und Sicher­heit. Wir haben aller­dings die Erfah­rung gemacht, dass die Königs­dis­zi­plin nur in Län­dern zu errei­chen ist, in denen Eng­lisch Lan­des­spra­che ist. Mit Asia­ten Eng­lisch zu rade­bre­chen, führt zwar zur Ver­stän­di­gung, aber auch zu aben­teu­er­li­chen gram­ma­ti­ka­li­schen Kon­struk­tio­nen in der eige­nen Anwen­dung.

Gina und Marcus zeigen ihr Zertifikat der Sprachschule.

In der Sprach­schu­le in Bue­nos Aires polier­ten wir unse­re Spa­nisch-Kennt­nis­se auf

In Süd­ame­ri­ka kommst du abseits der gro­ßen Tou­ri-Hot­spots mit Eng­lisch nicht weit. Hier haben wir unse­re Spa­nisch-Sprach­kennt­nis­se geschlif­fen und uns gefreut, wel­ches Level der Ver­stän­di­gung mög­lich ist.

Geo­gra­fi­sche Kennt­nis­se

Auch das liegt auf der Hand. Ein Land, eine Stadt, die wir selbst bereist haben ist viel kon­kre­ter in unse­rem Ver­ständ­nis, als wenn wir nur auf die Kar­te schau­en. Wir wis­sen jetzt, dass die Haupt­stadt von Boli­vi­en NICHT La Paz ist, son­dern Sucre. Wir ken­nen den Platz der süd­ost­asia­ti­schen Län­der auf der Welt­kar­te nun.
Gera­de in Städ­ten ist der Moment, wo aus dem Stadt­plan eine Stadt wird, ein ganz beson­de­rer. Zu den Namen von Plät­zen, Stra­ßen oder Gebäu­den kommt ein rea­les Bild.

Kennt­nis­se über Natur und Umwelt

Beim Rei­sen erfah­ren wir, wie es im Regen­wald zugeht. Wel­che Über­le­bens­stra­te­gi­en Tie­re in der Wüs­te ent­wi­ckeln. Wie weit die Koral­len des Gre­at Bar­ri­er Reefs schon abge­stor­ben sind.

Blick aus Fensterrahmen ins Grüne.

Blick aus unse­rer Lodge im perua­ni­schen Regen­wald.

All das könn­ten wir uns auch anle­sen. Meist bleibt es aber nicht lan­ge in unse­rem Gedächt­nis. Der Ein­druck des selbst Erleb­ten reicht viel tie­fer.

Natür­lich wuss­ten wir auch schon vor­her, dass der Plas­tik­müll ein Rie­sen­pro­blem ist. Schwap­pen­de Müll­tep­pi­che auf asia­ti­schen Flüs­sen machen es für uns aber noch mal ein­dring­li­cher.

Rei­sen ver­än­dert

Als ers­tes ver­än­dert sich unser Rei­se­stil durchs Rei­sen.

Unse­re ers­te gemein­sa­me Fern­rei­se führ­te uns wie­der in die USA, in den Grand Can­yon und die umlie­gen­den Natio­nal­parks. Mit dabei: zwei rie­si­ge Rei­se­ta­schen für jeden.

Marcus schiebt einen Gepäckwagen mit vier großen Reisetaschen.

Nicht gera­de leich­tes Gepäck…

Unser Fern­weh war damit ent­facht, zwei Jah­re spä­ter reis­ten wir nach Mexi­ko. Ganz indi­vi­du­ell trau­ten wir uns in so einem „gefähr­li­chen“ latein­ame­ri­ka­ni­schen Land noch nicht. Daher buch­ten wir eine geführ­te Rund­rei­se durch Mexi­ko.

Zwei Jah­re spä­ter reis­ten wir in Chi­le von Val­pa­raí­so hin­un­ter bis zum pata­go­ni­schen Inlands­eis. Da trau­ten wir uns schon indi­vi­du­ell, buch­ten aber alle Unter­künf­te vor. Sicher ist sicher!
Auf unse­re Kuba-Rund­rei­se waren wir ver­siert genug, um die pri­va­ten Unter­künf­te erst von Ort zu Ort vor­zu­bu­chen und so größt­mög­li­che Fle­xi­bi­li­tät zu errei­chen. Ein Rei­se­stil, den wir seit­dem am liebs­ten pfle­gen.

Der Fle­xi­bi­li­tät kommt es ent­ge­gen, mit mög­lichst leich­tem Gepäck zu rei­sen. Auf unse­rer Welt­rei­se waren wir jeder mit etwa 16 – 17 Kilo­gramm Auf­ga­be­ge­päck unter­wegs. Da wir mit dem Inhalt unse­rer Ruck­sä­cke ein Jahr aus­ge­kom­men sind, ist klar, wie wenig wir wirk­lich unter­wegs benö­ti­gen.
Heu­te reicht uns für einen Urlaub in einem war­men Land ein gro­ßer Kof­fer­ruck­sack für uns bei­de zusam­men.

Nicht nur auf den Rei­se­stil, auch auf den Lebens­stil hat­ten unse­re Rei­sen letzt­end­lich gro­ßen Ein­fluss. Wir leben heu­te in einer klei­ne­ren Woh­nung, sind bei­de nur noch in Teil­zeit berufs­tä­tig und haben unse­ren Kon­sum sehr redu­ziert. In „Unser Leben danach – was brau­chen wir wirk­lich?“ gehen wir auf die­ses The­ma genau­er ein.

Rei­sen lässt uns wach­sen

Die bis­her genann­ten Ver­än­de­run­gen durchs Rei­sen sind eher äußer­li­che. Die wirk­lich wich­ti­gen Ver­än­de­run­gen fin­den in uns statt (und bewir­ken teil­wei­se die oben auf­ge­führ­ten äußer­li­chen).

Tole­ranz

Das Rei­sen erhöht unse­re Tole­ranz gegen­über ande­ren Men­schen, Lebens­sti­len und Gewohn­hei­ten. Auch vor unse­ren Rei­sen waren wir tole­ran­te Men­schen. Dass da immer noch was geht in punc­to Tole­ranz haben uns unse­re Erfah­run­gen im Aus­land gelehrt.

Haut­nah zu erfah­ren, wie anders ande­re Men­schen in fer­nen Län­dern leben und arbei­ten ist wie­der­um etwas ande­res, als dar­über zu lesen.

Buddhistischer Mönch unterhält sich mit einem Wasserträger.

Flie­ßen­des Was­ser ist längst nicht für alle Men­schen selbst­ver­ständ­lich.

Es lässt uns unse­re eige­nen Wer­te, die uns in unse­rer Kul­tur ein­ge­trich­tert wer­den hin­ter­fra­gen. Nicht alle wer­fen wir des­halb über Bord. Aber man­che ändern sich gra­du­ell.

Tole­ran­ter wer­den wir ande­rer­seits gegen­über vie­len Din­gen in Deutsch­land, die von Leu­ten, die län­ger im Aus­land waren ange­pran­gert wer­den. Ja, es ist nicht alles super hier, aber es gibt vie­les, für das wir dank­bar sein kön­nen.
Und einen deut­schen Pass zu besit­zen ist eben­falls ein Grund zur Dank­bar­keit, denn er öff­net so vie­le Gren­zen für uns wie für kaum eine ande­re Nati­on.

Kom­mu­ni­ka­ti­on

Unse­re Fähig­keit, zu kom­mu­ni­zie­ren ist auf unse­ren Rei­sen gewach­sen. Nicht nur im fremd­sprach­li­chen Sinn, wie oben beschrie­ben. Wir waren in Län­dern und Gegen­den unter­wegs, wo wir mit unse­ren Sprach­kennt­nis­sen nicht wei­ter­ka­men. So haben wir gelernt, dass es mög­lich ist, sich buch­stäb­lich mit Hän­den und Füßen zu ver­stän­di­gen.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Punkt, der unter Kom­mu­ni­ka­ti­on fällt: Wir haben gelernt, Wün­sche zu äußern und nach Din­gen zu fra­gen. In den aller­meis­ten Fäl­len war das von Erfolg gekrönt. Ob es dar­um geht, einen ande­ren Stell­platz auf dem Camp­ground zu bekom­men oder beim poten­zi­ell zukünf­ti­gen Arbeit­ge­ber nach mehr Urlaubs­ta­gen zu fra­gen – es scha­det nie, sei­ne Wün­sche zu äußern.

Selbst­be­wusst­sein

Gera­de auf der lan­gen Zeit der Welt­rei­se hat­ten wir viel Zeit zur Selbst­re­fle­xi­on. In aller Ruhe die Gedan­ken flie­ßen zu las­sen ist etwas, das hier im hek­ti­schen All­tag meist nicht mög­lich ist. So lern­ten wir uns selbst immer bes­ser ken­nen.

Gerade Straße im Outback.

Die ein­sa­men Stra­ßen des aus­tra­li­schen Out­backs sind per­fekt zur Selbst­re­fle­xi­on.

Eine für uns ganz wich­ti­ge Erkennt­nis dar­aus gip­felt in dem Satz: „Wir müs­sen gar nix!“ Wie oft mei­nen wir, dass uns Umstän­de zu etwas zwin­gen, was wir gar nicht wol­len. Bei genaue­rem Nach­den­ken kön­nen wir sagen, dass jede Hand­lung oder eben Unter­las­sung irgend­wel­che Fol­gen hat. Wir kön­nen uns dafür oder dage­gen ent­schei­den, aber wir wer­den nicht von der Alter­na­ti­ve bestimmt.

Wir mach­ten die Erfah­rung, dass sich Pro­ble­me, an die wir vor­her nicht ein­mal gedacht hät­ten immer irgend­wie lösen las­sen. Das führ­te neben mehr Selbst­si­cher­heit all­ge­mein zu grö­ße­rer Gelas­sen­heit. Die konn­ten wir uns glück­li­cher­wei­se auch für unser Leben nach der Welt­rei­se bewah­ren.

Und mit dem grö­ße­ren Selbst­be­wusst­sein und den erlang­ten Erkennt­nis­sen las­sen wir uns so schnell nicht mehr ins Bocks­horn jagen. Wir kön­nen eine gesun­de Skep­sis an den Tag legen, wenn uns Din­ge als alter­na­tiv­los prä­sen­tiert wer­den. Und auch das trägt wie­der zu unse­rer Gelas­sen­heit bei.

Unse­re Rei­sen, und ganz beson­ders die Welt­rei­se, haben uns so viel gelehrt, dass wir kei­nen Tag davon mis­sen möch­ten. Sehr dank­bar schau­en wir auf die Zeit zurück und sind offen für die Zukunft.
Auf dass wir noch viel mehr ler­nen wer­den!

Mit die­sem Bei­trag betei­li­gen wir uns an der Blog­pa­ra­de „Rei­sen ver­än­dert” von Sabi­ne Olsch­ner.