Wir wech­seln unser Quar­tier, es geht in den Cir­que de Sala­zie. Die­ser hat den Ruf, ein Regen­loch zu sein. Daher wol­len wir heu­te noch mög­lichst viel Son­ne aus­nut­zen. Unser ers­tes Ziel ist der Forêt de Bébour und Bélouve, das letz­te Stück natur­be­las­se­ner Urwald auf Reuni­on.

Die asphal­tier­te Forst­stra­ße führt zunächst durch Cryp­to­me­ria­wald (Nadel­bäu­me) und durch Plan­ta­gen von Goya­vier­sträu­chern, die voll mit den roten, kirsch­gro­ßen Bee­ren hän­gen.

Danach beginnt der Urwald, dich­te grü­ne Vega­ta­ti­on und über­all dazwi­schen rie­sen­gro­ße Baum­far­ne, die von fer­ne wie Pal­men wir­ken.

Baby-Baumfarn und ausgewachsener Marcus

Baby-Baum­farn und aus­ge­wach­se­ner Mar­cus

Wir fah­ren bis zum Ende der Forst­stra­ße, die uns an den obe­ren Rand des Cir­que de Sala­zie bringt. Es ist eine traum­haf­te Kulis­se. Tief unter uns lie­gen die Orte Hell-Bourg und Grand-Ilet, in Letz­te­rem wer­den wir heu­te Abend unser Chambre d’hô­tes bezie­hen. Rings­um die Gip­fel der den Cir­que begren­zen­den Ber­ge, in der Mit­te die stei­le Erhe­bung des Piton Anchaing.

Cirque de Salazie

Cir­que de Sala­zie

Spä­ter suchen wir uns einen son­ni­gen Pick­nick­platz an einem rau­schen­den Flüss­chen, ruhen aus und räkeln uns in der Son­ne.

Schließ­lich packen wir zusam­men, um die mal wie­der kur­ven­rei­che Stre­cke in den Cir­que de Sala­zie in Angriff zu neh­men. Durch die Schlucht des Riviè­re du Mat geht es auf­wärts. Über­all rau­schen klei­ne­re oder grö­ße­re Was­ser­fäl­le aus den Berg­wän­den.

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Unser Chambre d’hô­tes in Grand-Îlet liegt in einem alten kreo­li­schen Holz­haus, das Zim­mer wirkt gepflegt und vol­ler Charme. Sogar Zugang zum gro­ßen Bal­kon, der sich über die gesam­te Haus­front zieht haben wir.

Das ein­zi­ge Restau­rant des Wei­lers, das auf der krei­de­be­schrif­te­ten Tafel drei Gerich­te anbie­tet, liegt am Dorf­rand. Ein klei­nes hut­ze­li­ges Männ­chen schließt gera­de auf und beant­wor­tet bereit­wil­lig und leb­haft unse­re Fra­gen nach Öff­nungs­zei­ten und Spei­sen­wahl. Der etwas lücken­haf­te Zahn­be­stand des Herrn und unser eben­so lücken­haf­tes Fran­zö­sisch machen die Ver­stän­di­gung zunächst schwie­rig, doch bei­der­sei­ti­ger beherz­ter Ein­satz von Pan­to­mi­me klärt schließ­lich, dass es bei dem einen Gericht um Wild­ka­nin­chen han­delt. Nach­dem wir uns so pri­ma ver­stan­den haben und der Preis von 10 Euro pro Essen unschlag­bar ist, fällt die Ent­schei­dung leicht.

Als wir abends dort ankom­men, stel­len wir erstaunt fest, dass der Laden brummt und wir nur noch auf der schma­len Berg­stra­ße einen Park­platz fin­den.

Mar­cus bestellt das Wild­ka­nin­chen, ich den Schwert­fisch, dazu gibt es typisch kreo­lisch Reis und Boh­nen­so­ße. Das Hut­zel­männ­chen schmeißt den Laden offen­bar allei­ne und wir­belt tem­pe­ra­ment­voll durch die Gegend. Das Essen ist köst­lich, das bes­te, was wir bis­her vor­ge­setzt bekom­men haben! Mor­gen kom­men wir wie­der her.

Welch schö­ne Über­ra­schung am nächs­ten Mor­gen: gar kein Regen, son­dern blau­er Him­mel und es ist schon rich­tig warm!

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Heu­te haben wir uns die Wan­de­rung zum La Fenêt­re vor­ge­nom­men, ein Aus­sichts­punkt auf dem Berg­rü­cken zwi­schen Cimen­def und Roche Ecri­te auf 1530 m Höhe.

Wir gehen ent­lang wuchern­der Chouchou­ran­ken am Weg­rand und ver­ein­zel­ten Bana­nen­pflan­zen. Der beto­nier­te Weg wird immer ver­nach­läs­sig­ter, längst haben Pflan­zen den Beton gesprengt. Schließ­lich kom­men wir an ein sehr zuge­wach­se­nes Stück und ich revi­die­re mei­ne Theo­rie, dass Sei­den­spin­nen ihre Net­ze nicht über Wan­der­we­ge span­nen, als ich in einen recht robus­ten Spin­nen­fa­den lau­fe. Die Spin­ne samt Netz hängt zum Glück auf der ande­ren Weg­sei­te, ein beson­ders statt­li­ches scharz-gel­bes Exem­plar. Ich wei­ge­re mich, auf die­sem Weg auch nur einen wei­te­ren Schritt zu set­zen. Also keh­ren wir um.

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Nach eini­gen hun­dert Metern zurück ent­de­cken wir die Abbie­gung des rich­ti­gen Wan­der­wegs, die wir über­se­hen hat­ten. Nun wirkt er auch wie­der gepfleg­ter und ist – sie­he mei­ne frü­he­re Theo­rie – spin­nen­frei. Kurz dar­auf beginnt der Anstieg, der es in sich hat. Auf sehr stei­lem und schma­lem Pfad geht es durch den Wald. Wir ent­de­cken wild wach­sen­de Goya­vier­sträu­cher. End­lich eine Gele­gen­heit, die Bee­ren zu pro­bie­ren. Hmmm, lecker! Herb-fruch­tig mit leich­ter Säu­re, ich wer­de sofort zum Fan. Und somit haben wir einen wei­te­ren Fak­tor, der uns den Geh­zei­ten­schnitt ver­saut ;-)

köstliche Goyavierbeeren

köst­li­che Goya­vier­bee­ren

Ein paar sehr stei­le Pas­sa­gen erfor­dern schon Klet­te­rei und wir zwei­feln kurz, ob wir da wirk­lich hoch wol­len. Aber wir hal­ten durch und errei­chen nach gut zwei Stun­den unser Ziel. Dort wer­den wir mit einem fan­tas­ti­schen Blick über den Cir­que de Sala­zie belohnt.

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Nach­dem wir uns gestärkt haben geht es wie­der nach unten. Der Rück­weg wird durch umfang­rei­che Goya­vier­bee­ren-Ern­te mit Sofort­ver­zehr in die Län­ge gezo­gen. Mar­cus wird schon unge­dul­dig, denn die Nebel­schwa­den kom­men von oben näher. Wir meis­tern die aben­teu­er­li­chen Steil­pas­sa­gen und errei­chen das Tal vor dem Nebel.

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Auf unse­rem Bal­kon rela­xen wir bei Kaf­fee und Teil­chen. Kurz dar­auf haben die Wol­ken das gan­ze Tal gefüllt, es wird kalt und feucht. Kein ein­zi­ger Berg ist mehr zu sehen.

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In der Nacht hat es gereg­net, aber am Mor­gen erwa­chen wir mit strah­lend blau­em Him­mel. Wir kur­ven die Berg­stra­ße nach Hell-Bourg run­ter und wie­der rauf. Die Stra­ßen hier sind wirk­lich unglaub­lich steil. Über­all an den Hän­gen wach­sen rie­si­ge Sträu­cher von Engel­strom­pe­ten.

Engelstrompeten

Engel­strom­pe­ten

Hell-Bourg steht in den Ruf, ein hüb­sches kreo­li­sches Dorf zu sein. Vie­le alte kreo­li­sche Häu­ser sind noch erhal­ten oder wie­der restau­riert wor­den.

Aber bevor wir durch den Ort schlen­dern, nut­zen wir das schö­ne Wet­ter für eine klei­ne Wan­de­rung zu den Trois Cas­ca­des. Vom Tal­ein­gang her quel­len schon wie­der dicke Wol­ken her­ein.

Die Wan­de­rung führt mal wie­der sehr, sehr steil nach oben. In zwan­zig Minu­ten haben wir schon 150 Höhen­me­ter bewäl­tigt! Es geht durch Wald über Stei­ne und vie­le glat­te Wur­zeln nach oben. Wenigs­tens mal zur Abwechs­lung nicht mit einem Abgrund an einer Sei­te. Bun­te tro­pi­sche Blü­ten leuch­ten am Weg­rand.

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L'Entre-Deux

Hibis­kus­blü­te XXL

Wir errei­chen die Trois Cas­ca­des auf einem feuch­ten Fels­pla­teau. Oben im Wald kön­nen wir eine der drei namens­ge­ben­den Cas­ca­den erken­nen, die den Bach speist, der über das Pla­teau rinnt und in zwei wei­te­ren Cas­ca­den nach unten stürzt. Auch an die­ser schwer zugäng­li­chen Stel­le steht wie so oft in Reuni­on ein Hei­li­gen­schrein mit Blu­men­ga­ben und Dan­ke­stä­fel­chen.

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Wir strei­fen bei leich­tem Nie­sel­re­gen, der sich immer wie­der mit kur­zen Son­nen­epi­so­den abwech­selt ein wenig durch Hell-Bourg und gucken uns die bun­ten Holz­häu­ser an.

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Immer wie­der sehen wir die rie­si­gen Sei­den­spin­nen, die ihre Fäden quer über die Gas­sen gezo­gen haben – aber meist weit oben.

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Aus­klin­gen las­sen wir unse­ren letz­ten Abend im Cir­que de Sala­zie in unse­rem Lieb­lings­re­stau­rant beim Hut­zel­männ­chen, wo wir schon wie alte Bekann­te begrüßt wer­den. Und um allen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­men bezüg­lich der Spei­se­kar­te aus dem Weg zu gehen, bekom­men wir eine Aus­wahl aller drei ver­füg­ba­ren Gerich­te vor­ge­setzt: Car­ri Pou­let (Huhn), Rou­gail Moreau (Fisch) und ein Gericht mit geräu­cher­tem Schwei­ne­fleisch und Auber­gi­ne. Wie immer sehr köst­lich und Hut­zel­männ­chen freut sich wie Bol­le, als wir alles ver­putzt haben.

Als wir die Stra­ße Rich­tung Küs­te her­un­ter­kur­ven, bie­ten die Wol­ken­fet­zen zwi­schen den tief­grü­nen Gip­feln schau­rig-unheim­li­che Bil­der. Über­all aus den Hän­gen stür­zen Was­ser­fäl­le, der Rivié­re du Mat tief unten im Tal ist schlamm­braun und schäu­mend.

40% der reunio­ne­si­schen Bevöl­ke­rung sind Hin­dus, da sie in gro­ßen Scha­ren als Ver­trags­ar­bei­ter ange­heu­ert wur­den, als die Skla­ve­rei auf­ge­ho­ben wur­de. So fin­det man über­all auf Reuni­on far­ben­präch­ti­ge Tem­pel. Wir quä­len uns durch den Stau in St. André, bis wir den ers­ten Tem­pel, den Temp­le Petit Bazar errei­chen. Ein Schild infor­miert, dass alle Men­schen will­kom­men sind sich den Tem­pel anzu­se­hen.

St. André

St. André

Da man zum Betre­ten des Tem­pel­ge­län­des die Schu­he aus­zie­hen muss, beschrän­ken wir ange­sichts des nas­sen Wet­ters die Besich­ti­gung auf außer­halb. Der Tem­pel ist mit vie­len, teils viel­ar­mi­gen Figu­ren in fröh­li­chen Far­ben gestal­tet, Einen zwei­ten Tem­pel, den Temp­le du Colos­se betrach­ten wir eben­falls durch den Zaun.

Immer wie­der gehen Schau­er nie­der, der graue Him­mel reißt nicht auf. Wenigs­tens ist es nicht kalt. Wei­ter geht es nach St. Denis, der Haupt­stadt Reuni­ons.

Wir bum­meln durch die Fuß­gän­ger­zo­ne und wer­den zum ers­ten Mal ange­bet­telt – also wie zu Hau­se ;-)

Ein wenig Kul­tur steht natür­lich auch noch auf dem Pro­gramm. Ent­lang der Rue de Paris ste­hen noch vie­le alte oder wie­der restau­rier­te kreo­li­sche Vil­len. Typi­sche Stil­ele­men­te sind die Veran­da vor­ne am Haus, eine Schein­fas­sa­de mit ange­deu­te­ten Säu­len und das Flach­dach. In der Regel sind die Häu­ser aus Holz gebaut,  nur beson­ders Rei­che unter den Rei­chen konn­ten sich ein Stein­haus leis­ten.

An Rat­haus und Kir­che vor­bei führt die Stra­ße bis zum Meer hin­un­ter, wo auf dem Barachois eini­ge anti­ke Kano­nen dar­an erin­nern, dass die Zei­ten hier nicht immer fried­lich waren. Von hier aus sieht man schon die senk­rech­te Fels­wand, an der die Auto­bahn ent­lang Rich­tung West­küs­te führt. (G)

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