Das klas­si­sche Fort­be­we­gungs­mit­tel in Argen­ti­ni­en, wie in ganz Süd­ame­ri­ka ist der Bus. Sei es im Nah­ver­kehr, wo gan­ze Rudel von Bus­sen durch die Stra­ßen rat­tern wie auch im Fern­ver­kehr, wie schon Chris­ti­an und Clau­dia in ihrem Blog berich­ten. In den gro­ßen Städ­ten gibt es rie­si­ge Bus­termi­nals, wie bei uns Bahn­hö­fe. Geschäf­te, Restau­rants und eine lan­ge Rei­he von Ticket­schal­tern – denn jede Gesell­schaft hat ihren eige­nen Schal­ter und es gibt vie­le Unter­neh­men!

Von außen nicht zu erkennen: die Komfortklasse, hier Cama ejecutiva

Von außen nicht immer zu erken­nen: die Kom­fort­klas­se, hier Cama eje­cu­ti­va

Jede Gesell­schaft hat unter­schied­li­che Kom­fort­klas­sen, z. B. Semi-Cama, Cama, Cama eje­cu­tivo. Selbst die ein­fachs­te die­ser Klas­sen, Semi-Cama, ist kom­for­ta­bler und bie­tet mehr Platz, als wir das von euro­päi­schen Bus­sen gewohnt sind.
Bis jetzt haben wir uns immer mit Direkt­ver­bin­dun­gen von A nach B bewegt. Nun geht es in ent­le­ge­ne Gebie­te. Das bedeu­tet umstei­gen.
Über die App von Pla­ta­for­ma 10 haben wir her­aus­ge­fun­den, wie wir von San­ta Fe zu der Klein­stadt Mer­ce­des gelan­gen kön­nen. In San­ta Fe kön­nen wir aller­dings nur das Ticket bis Curu­zú Cua­tía lösen, wo wir umstei­gen müs­sen. Um kurz nach Mit­ter­nacht geht es los und um fünf Uhr mor­gens kommt der Bus an. Zum Umstei­gen haben wir etwa eine hal­be Stun­de Zeit. Wenn das nicht klappt, fährt der nächs­te Bus fünf Stun­den spä­ter.
Zum Glück dür­fen wir bis neun Uhr abends in der Unter­kunft blei­ben, de fac­to bis zehn, da wir noch fast eine Stun­de mit unse­rer Ver­mie­te­rin Vir­gi­nia plau­dern. So müs­sen wir nur zwei Stun­den am Ter­mi­nal war­ten.

Mit Sack und Pack warten am Busbahnhof

Mit Sack und Pack war­ten am Bus­bahn­hof

Um Mit­ter­nacht steigt die Span­nung. Wo wird unser Bus hal­ten? Bei der Buchung wird nur unge­fähr mit­ge­teilt, an wel­chem Bus­steig das Fahr­zeug ankommt, so dass wir die Pla­ta­formas 4 bis 7 im Auge behal­ten müs­sen. Es gibt zwar eine elek­tro­ni­sche Anzei­ge­ta­fel. Die ist aller­dings so ein­ge­stellt, dass sich die Spal­ten gegen­sei­tig über­la­gern und daher die Anga­be der Pla­ta­for­ma nicht sicht­bar ist. Eine wei­te­re Schwie­rig­keit besteht dar­in, dass die Anzei­ge des Bus­un­ter­neh­mens nicht unbe­dingt mit der auf dem Ticket über­ein­stimmt – und auch nicht zwangs­läu­fig mit dem, was auf dem Bus sel­ber steht. Ach ja, und die Abfahrts­zeit kann auch abwei­chen. Es ist also durch­aus span­nend, den rich­ti­gen Bus zu erwi­schen.
Wir wis­sen, dass unser Bus von Cór­do­ba kommt und nach Puer­to Igua­zú fährt. Auf unse­rem Fahr­schein von Expres­so Sin­ger steht 0:10 als Abfahrts­zeit. Auf der Anzei­ge erscheint ein Bus, der um 0:15 nach Igua­zú fährt, von Unter­neh­men Mercosur/.…(Rest nicht les­bar, weil Spal­te zu schmal).
Um fünf nach zwölf stel­len wir uns drau­ßen hin und behal­ten die Pla­ta­formas 4 bis 7 im Blick. Ein Bus nach dem ande­ren kommt und fährt wie­der, aber nicht unse­rer. Bei Zie­len, die ich nicht ken­ne oder wenn kei­nes ersicht­lich ist, fra­ge ich bei den Fah­rern nach, ern­te aber nur bedau­ern­des Kopf­schüt­teln. Zig­mal wan­dern wir zwi­schen Bus­stei­gen und Anzei­ge­ta­fel hin und her. Schließ­lich ist der 0:15 Bus von der Anzei­ge ver­schwun­den. Wir haben ihn nicht gese­hen. Soll­te er doch in einem ande­ren Bereich gehal­ten haben? Lang­sam befürch­ten wir, unse­ren Bus ver­passt zu haben.
Um kurz vor halb eins lau­fe ich zum Schal­ter von Expres­so Sin­ger, der am ande­ren Ende des Ter­mi­nals liegt. Die Ange­stell­te zieht sich gera­de den Man­tel an. Ich hal­te mein Ticket hoch und bevor ich fra­gen kann, sagt sie: „Der Bus fährt gera­de ein! ”
Ich eile mit der fro­hen Kun­de zu Mar­cus zurück, und kurz dar­auf fährt tat­säch­lich unser Bus vor. Erleich­tert las­sen wir uns in die beque­men Sit­ze fal­len. Es bleibt aller­dings span­nend, denn der Bus hat eine hal­be Stun­de Ver­spä­tung. Das ist genau unse­re Umstei­ge­zeit in Curu­zú Cua­tía. Und wir müs­sen in der Zeit auch noch das Ticket für den nächs­ten Bus kau­fen!

Endlich im Bus - jetzt können wir wieder lachen

End­lich im Bus – jetzt kön­nen wir wie­der lachen

Aber zunächst ver­su­chen wir, ein biss­chen Schlaf zu krie­gen. Nach­dem wir den Pac­safe mit unse­ren Wert­sa­chen am Sitz fest­ge­schlos­sen haben, wer­den Nacken­hörn­chen plat­ziert und als Schlaf­bril­len­er­satz Buff­tü­cher über die Augen gezo­gen. Auf wär­men­de Jacken und Schals zum Zude­cken kön­nen wir in die­sem Bus getrost ver­zich­ten. Sind nor­ma­ler­wei­se süd­ame­ri­ka­ni­sche Bus­se auf mit­tel­eu­ro­päi­sche Herbst­tem­pe­ra­tu­ren run­ter­ge­kühlt, bul­lert in die­sem die Hei­zung auf Höchst­stu­fe. Ich ent­le­di­ge mich einer wei­te­ren Klei­dungs­schicht und hof­fe, dass ich nach­her im Dun­keln alles wie­der­fin­de. Trotz der Hit­ze und des Rap­pelns der Ach­se unter uns kön­nen wir ein wenig schla­fen.
Ich habe den Ein­druck, der Bus heizt ziem­lich über die Stre­cke und hof­fe, er wird die Ver­spä­tung in den nächs­ten fünf Stun­den wie­der ein­ho­len.
Die­se Hoff­nung erweist sich als ver­ge­bens. Als wir im Ter­mi­nal von Curu­zú Cua­tía ankom­men, ist Auf­ga­ben­tei­lung nach indi­vi­du­el­len Talen­ten ange­sagt: Mar­cus (Mus­keln) stellt sich am Kof­fer­raum an, um unser Gepäck zu holen, Gina (Sprach­kennt­nis­se) spur­tet zum neben­ste­hen­den Bus, der mit lau­fen­dem Motor abfahr­be­reit steht, fragt den Bei­fah­rer, wo es die Tickets zu kau­fen gibt (drin­nen, in der bole­te­ría). Nach­dem ich geis­tes­ge­gen­wär­tig fra­ge, an wel­chem Schal­ter (was gut war: im Inter­net stand der Bus als Ersa, auf dem Bus steht Albi­z­zat­ti und der Schal­ter ist mit Syl­via beschrif­tet!) beglei­tet mich der freund­li­che Mensch zum Schal­ter, den ein motor­rad­be­helm­ter Mit­ar­bei­ter gera­de ver­lässt. Zwei Tickets ver­kauft er uns trotz­dem noch. Als ich raus kom­me, steht Mar­cus immer noch am Bus, sein Ruck­sack ist in der letz­ten Ecke gelan­det. Aber schließ­lich haben wir unse­re Sachen bei­sam­men.
Zu unse­rem Erstau­nen wird im ande­ren Bus nicht der Kof­fer­raum geöff­net, son­dern wir sol­len die bei­den gro­ßen Gepäck­stü­cke mit hin­ein neh­men. Dort ver­sper­ren sie den Gang, aufs WC kommt man auch nicht mehr, aber das scheint nie­man­den zu stö­ren. Auch dass unse­re Sitz­platz­num­mern auf dem Ticket nicht im Bus exis­tie­ren (okay, das ken­nen wir auch von der Deut­schen Bahn?), ist nicht schlimm, ande­re Fahr­gäs­te erklä­ren uns, wo wir sit­zen sol­len. Es ist näm­lich so, dass die Plät­ze 11 und 12 auf dem Ticket den Plät­zen 54 und 55 oder so im Bus ent­spre­chen. Ist klar!

Nachts im Bus. Die Treppe führt rechts nach oben und geradeaus runter in die Fahrerkabine

Nachts im Bus. Die Trep­pe führt rechts nach oben und gera­de­aus run­ter in die Fah­rer­ka­bi­ne

Andert­halb Stun­den und ein Nicker­chen spä­ter errei­chen wir bei Son­nen­auf­gang Mer­ce­des.

Ankunft im Morgengrauen. Leider noch nicht am Ziel.

Ankunft im Mor­gen­grau­en. Lei­der noch nicht am Ziel.

Der klei­ne Bus­bahn­hof ist fest in der Hand einer reso­lu­ten Dame, an die wir uns wen­den, um zu erfah­ren, wie wir nach Colo­nia Car­los Pel­le­gri­ni, unse­rem end­gül­ti­gen Ziel gelan­gen kön­nen. Sie erklärt uns, dass der Bus mal so, mal anders füh­re. Dann winkt sie uns, ihr zu einem klapp­ri­gen Bus zu fol­gen, der gera­de ange­kom­men ist. Der Fah­rer sagt, dass er um zwölf Uhr nach Car­los Pel­le­gri­ni star­tet.

Klapperbus nach Carlos Pellegrini

Klap­per­bus nach Car­los Pel­le­gri­ni

Bis dahin kön­nen wir uns in dem ver­schla­fe­nen Bus­bahn­hof die Zeit ver­trei­ben. Es ist gera­de mal kurz nach sie­ben. Eine klei­ne Cafe­te­ria bie­tet Früh­stück an und wir stär­ken uns mit Kaf­fee und Medi­al­unas.

Argentinisch frühstücken, lecker!

Argen­ti­nisch früh­stü­cken, lecker!

Unse­re Wei­ter­fahrt am Frei­tag muss auch noch orga­ni­siert wer­den. Nach­dem wir gecheckt haben, wann Bus­se nach Cor­ri­en­tes fah­ren wen­den wir uns aber­mals an die reso­lu­te Bahn­hofs­vor­ste­he­rin, um zu erfah­ren, wann die Rück­fahrt von Car­los Pel­le­gri­ni hier ein­trifft. Ent­we­der sind Fahr­plä­ne nicht ihre Kern­kom­pe­tenz oder es exis­tie­ren tat­säch­lich kei­ne für den Klap­per­bus, jeden­falls meint sie, es sei nicht sicher, wann (oder ob) er hier ankä­me und wir soll­ten bes­ser eine Über­nach­tung in Mer­ce­des ein­pla­nen. Viel­leicht hat ihr Schwa­ger auch ein Hotel hier ;-)
Wir dür­fen unse­re Kof­fer in ihrem Büro abstel­len und gehen ein biss­chen im Ort spa­zie­ren. Abseits der Haupt­stra­ßen sind die Stra­ßen nicht asphal­tiert, es wirkt schon ziem­lich länd­lich hier. Gau­chos lau­fen in tra­di­tio­nel­ler Tracht rum: leich­te, hel­le Leder­stie­fel und bar­ret­ar­ti­ge Kopf­be­de­ckung oder typi­sche Hüte.

Im Inter­net hat­ten wir von einem Mini­bus-Ser­vice nach Car­los Pel­le­gri­ni gele­sen, den wir aller­dings nicht gefun­den haben. Dafür fin­det er uns jetzt: Ein Mini­bus hält neben uns und der Bei­fah­rer fragt, ob wir die­je­ni­gen sei­en, die den Trans­port nach Car­los Pel­le­gri­ni gebucht hät­ten. Wie haben die bloß erkannt, dass wir nicht von hier sind!? ?
Wir sind zwar nicht die Gesuch­ten, ergrei­fen aber die Gele­gen­heit beim Schopf, uns zu erkun­di­gen. Sie fah­ren um zwölf ab, brin­gen uns bis zur gewünsch­ten Unter­kunft und holen uns dort am Frei­tag­mor­gen auch wie­der ab, so dass wir ohne Zwi­schen­über­nach­tung nach Cor­ri­en­tes wei­ter­fah­ren kön­nen. Per­fekt!

Hat uns gefunden: Minibus

Hat uns gefun­den: Mini­bus

Kos­tet zwar drei­mal so viel wie der bil­li­ge Colec­tivo, aber umge­rech­net 18 Euro pro Per­son für 120 Kilo­me­ter Fahrt über Schot­ter­pis­te ist wirk­lich nicht die Welt.
Trotz Gerum­pel auf der unebe­nen Stre­cke über­mannt uns noch­mal der Schlaf. Es wer­den ver­schie­de­ne Estan­ci­as abseits der Haupt­stre­cke ange­fah­ren und Leu­te oder Waren abge­setzt, ins­ge­samt sind wir drei­ein­halb Stun­den unter­wegs.
Auf den letz­ten Kilo­me­tern durchs Natur­re­ser­vat sehen wir eine Was­ser­schwein­ma­ma mit einer Hor­de Was­ser­schwein­ba­bies, einen Sumpf­hirsch, ver­schie­de­ne gro­ße Vögel und immer wie­der Was­ser­schwei­ne.
Schließ­lich errei­chen wir nach fast 16 Stun­den Rei­se­zeit unser Ziel, das abge­le­ge­ne 1000-See­len-Dorf Colo­nia Car­los Pel­le­gri­ni, wo es nur stau­bi­ge, unbe­fes­tig­te Stra­ßen und jede Men­ge Ruhe gibt.

Straße (die nennen das hier so!) in Carlos Pellegrini

Stra­ße (die nen­nen das hier so!) in Car­los Pel­le­gri­ni

Nach ein paar traum­haf­ten Tagen im Natur­re­ser­vat der Este­ros de Iberá, über die ich an ande­rer Stel­le berich­ten wer­de, wer­den wir um vier Uhr mor­gens von einem Mini­bus abge­holt. Mit offe­ner Sei­ten­tür kurvt er durch die stau­bi­gen Stra­ßen, bis alle Fahr­gäs­te ein­ge­sam­melt sind. Auf 16 Plät­zen wer­den 19 Per­so­nen (zwei Kin­der auf dem Schoß der Müt­ter, ein gut­ge­laun­ter Dorf­be­woh­ner auf sei­nem Gepäck) unter­ge­bracht. Unter und neben den Sit­zen wer­den Kof­fer, Taschen und Kar­tons ver­staut. So über­la­den geht es im Stock­fins­te­ren zwei Stun­den über die gro­be Schot­ter­pis­te. Es rum­pelt, schau­kelt und schlin­gert, wir sit­zen so eng, dass wir uns kaum rüh­ren kön­nen. An Schlaf ist nicht zu den­ken, zumal wir die meis­te Zeit um unser Leben fürch­ten.

So ist die Erleich­te­rung groß, als wir um sie­ben Uhr heil in Mer­ce­des ankom­men. Wir rech­nen damit, fünf Stun­den auf den nächs­ten Bus nach Cor­ri­en­tes war­ten zu müs­sen. Doch wie­der haben wir Glück: der 7‑Uhr-Bus ist ver­spä­tet und es ist ein Cama-Eje­cu­tivo!

Luxus-Liegesitz. Das haben wir jetzt verdient.

Luxus-Lie­ge­sitz. Das haben wir jetzt ver­dient.