„Stür­zer-Insel“ – das ist das Ers­te, was man hört, wenn es ums Wild­was­ser­pad­deln auf Kor­si­ka geht. Nur die lang­wei­li­gen Unter­läu­fe der Flüs­se sei­en für Nor­mal­padd­ler fahr­bar. Wir woll­ten es wis­sen und buch­ten ein Auf­bau­camp für „fort­ge­schrit­te­ne Padd­ler“.

Ankunft auf Kor­si­ka

Sams­tag­mor­gens um sie­ben erreich­te die Fäh­re Bas­tia und wir war­fen einen ers­ten Blick auf wol­ken­ver­han­ge­ne Ber­ge, die sich aus dem Meer erho­ben. Immer­hin hat­te der Regen auf­ge­hört, der uns seit ges­tern Mit­tag auf der Fahrt durch die Pro­vence zum Fähr­ha­fen von Tou­lon beglei­tet hat­te. Als wir wenig spä­ter von dem Schiff roll­ten – wir waren das ein­zi­ge Auto mit Kajaks auf dem Dach weit und breit – wag­te sich schon die Son­ne her­vor. Unse­re Fahrt zum Cam­ping­platz bei dem klei­nen Ort Fran­car­do führ­te uns am Golo ent­lang, auf den wir ab und zu einen Blick erspä­hen konn­ten. Von hier oben sah es nicht wesent­lich auf­re­gen­der als die Sieg aus.

Auf dem Cam­ping­platz herrsch­te noch mor­gend­li­che Ruhe, als wir anka­men. Der Kurs wür­de erst am nächs­ten Tag begin­nen, so dass uns der heu­ti­ge Tag für tou­ris­ti­sche Akti­vi­tä­ten zur Ver­fü­gung stand. Nach der kur­zen Nacht auf der Fäh­re, die wir in Lie­ge­ses­seln (die hei­ßen aber nur so, lie­gen kann man natür­lich nicht!) ver­bracht hat­ten, soll­te das Pro­gramm ent­spannt sein.

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Aus­flug zur West­küs­te

Wir fuh­ren zur West­küs­te, die über eine gut aus­ge­bau­te Stra­ße in einer Stun­de erreich­bar war. Welch ein Anblick, als sich die letz­te Schnei­se in den Hügeln öff­ne­te und das Meer vor uns lag! Der fri­sche Wind ließ die Wel­len auf den hel­len Sand­strand rol­len, der um die­se Jah­res­zeit nahe­zu men­schen­leer war.Korsika 070

Die Küs­ten­stra­ße führ­te wei­ter nach L’Ile Rous­se und Cal­vi. In Cal­vi setz­ten wir uns in ein Cafe am Hafen und genos­sen den Blick durch Pal­men über die blaue Bucht auf schnee­ge­krön­te Gip­fel. Nach­dem wir die Zita­del­le besich­tigt hat­ten und durch die Gas­sen gebum­melt waren, wur­de es auch schon wie­der Zeit für den Rück­weg.

Für den Abend war in Cor­te, der ehe­ma­li­gen kor­si­schen Haupt­stadt, ein Tisch im Restau­rant reser­viert wor­den. Das Menu mit kor­si­schen Spe­zia­li­tä­ten war erstaun­lich güns­tig und sehr lecker.

Ein­pad­deln auf dem Tavi­gna­no

Am nächs­ten Mor­gen gab es eine gro­ße Vor­stel­lungs­run­de, in der jeder etwas über sei­ne Pad­del­erfah­run­gen und Erwar­tun­gen an den Kurs erzähl­te. Danach wur­den die Grup­pen ein­ge­teilt.Korsika 148

Auf­grund der Bil­lig­flie­ger-Anrei­sen und der Wohn­mo­bi­le, die eher dem ers­ten Teil ihres Namens als dem zwei­ten gerecht wur­den, gab es eine gewis­se Knapp­heit an Fahr­zeu­gen. Nach­dem die sich dar­aus erge­ben­den logis­ti­schen Pro­ble­me gelöst waren, konn­te es los­ge­hen.

Wir fuh­ren zum Tavi­gna­no und setz­ten dort ein, wo der Vec­chio mün­det. Die Son­ne strahl­te vom blau­en Him­mel, die Tem­pe­ra­tu­ren waren som­mer­lich. Die Auf­wärm­übun­gen wirk­ten zusätz­lich schweiß­trei­bend, so dass wir froh waren, als wir end­lich auf den küh­len Wel­len schau­kel­ten.

Mathieu, unser Kanu­leh­rer, beob­ach­te­te hin­ter einer coo­len Son­nen­bril­le unse­re Fähig­kei­ten. Nach­dem er sich davon über­zeugt hat­te, dass wir alle das Ein- und Aus­schlin­gen aus dem Kehr­was­ser beherrsch­ten, fuh­ren wir als ers­te der drei Grup­pen fluss­ab. Schon bald erreich­ten wir einen Schwall, der mehr Druck hat­te als die ers­ten Übungs­stel­len. Hier muss­te Anet­te die Was­ser­tem­pe­ra­tur durch ein klei­nes Bad tes­ten.

Wei­ter ging es durch eini­ge leicht ver­block­te Stel­len, die wir mit eini­gem Gerum­pel meis­ter­ten. Schließ­lich kam ein schon unüber­sicht­li­che­res Stück, das in einem kräf­ti­gen Schwall ende­te. Einer nach dem ande­ren lan­de­ten wir wohl­be­hal­ten unten in dem gro­ßen Kehr­was­ser.

Auf der ande­ren Fluss­sei­te war das Ufer steil, die Strö­mung schoss unmit­tel­bar dar­an vor­bei. Ledig­lich eine klei­ne Aus­buch­tung bil­de­te ein Mikro­kehr­was­ser, in das Mathieu schein­bar mühe­los und ele­gant tra­ver­sier­te. Natür­lich for­der­te er uns auf, es ihm nach­zu­ma­chen.

Wolf­gang, des­sen lang­jäh­ri­ge Sla­lo­merfah­rung, auch wenn sie eini­ge Zeit zurück lag, nicht zu leug­nen war, gelang es bei­nah auf Anhieb. Frank und Mar­cus ver­fehl­ten das Kehr­was­ser knapp, konn­ten sich aber von dem Steil­ufer abdrü­cken. Ich hat­te nicht soviel Glück und ken­ter­te. Aber es gelang mir mei­ne ers­te Eski­mo­rol­le im Ernst­fall!Korsika 245

Wir übten noch eini­ge Zeit an die­ser kna­cki­gen Stel­le wei­ter. Alle schaff­ten es schließ­lich in das Mikro­kehr­was­ser. Ich bewun­der­te Anet­tes Hart­nä­ckig­keit, die vier­mal baden ging und es unver­dros­sen wei­ter ver­such­te.

Inzwi­schen waren auch die ande­ren Grup­pen – teils pad­delnd, teils schwim­mend – ange­kom­men und wir mach­ten am son­ni­gen Ufer alle zusam­men Mit­tags­rast.

Dann ging es wei­ter den Fluss hin­un­ter, über klei­ne Schwäl­le, Wal­zen und Kata­rak­te. Mathieu ver­such­te uns in die Kunst des Boo­fens ein­zu­wei­hen, wobei die Erfol­ge mit unse­ren Drei-Meter-Kajaks eher spär­lich waren.Korsika 320

Schließ­lich erreich­ten wir eine der typisch kor­si­schen Genue­ser­brü­cken, an der wir aus­stie­gen.

Zwei­ter Kurs­tag: Bar­chet­ta-Schlucht

Am nächs­ten Mor­gen stand die Bar­chet­ta-Schlucht des Golo auf dem Pro­gramm. Unter­halb einer still­ge­leg­ten Fabrik setz­ten wir ein. Die Stre­cke ver­lief groß­teils in einer Nied­rig­klamm. Immer wie­der klei­ne Stu­fen und Kata­rak­te, die sich mit ruhi­gen Pools abwech­sel­ten.

Weni­ger schön war der Schrott, den man hier im Fluss­bett fand: Wrack­tei­le von Autos und Motor­rä­dern, ent­sorg­te Haus­halts­ge­rä­te und Unde­fi­nier­ba­res säum­ten immer wie­der das Ufer.

Ein hohes Wehr muss­ten wir umtra­gen, ansons­ten war alles bei recht nied­ri­gem Was­ser­stand fahr­bar.

Kna­cki­ges Wild Was­ser auf dem unte­ren Vec­chio

Am Diens­tag nah­men wir den unte­ren Vec­chio in Angriff, ein stark ver­block­ter, sehr tech­ni­scher Bach mit 18 Pro­mil­le Gefäl­le. Gleich am Anfang erwar­te­te uns eine der schwie­rigs­ten Stel­len: Die Linie führ­te im Zick­zack durch ein Laby­rinth aus Fel­sen und Stei­nen, durch die sich der Bach abwärts stürz­te. Wurf­sack­si­che­run­gen wur­den am Ufer auf­ge­baut und beka­men auch reich­lich Ein­satz­mög­lich­kei­ten.Korsika 264

Der nied­ri­ge Was­ser­stand ließ in den ver­block­ten Pas­sa­gen vie­le gemei­ne Stei­ne auf­tau­chen. Zwei­mal wur­de mir eine sol­che Stel­le zum Ver­häng­nis, aber es gelang mir jedes Mal, wie­der hoch­zu­rol­len.

Eine schwie­ri­ge Stel­le wur­de von fast allen wegen der Ver­let­zungs­ge­fahr umtra­gen. Eine wei­te­re Stel­le, wo das Was­ser über eine Stu­fe zwi­schen zwei Stei­nen genau auf eine Fels­wand zuschoss, wur­de zum all­ge­mei­nen „Bade­fest“.

Schließ­lich erreich­ten wir die Mün­dung des Vec­chio in den Tavi­gna­no, wo der Bus stand. Ein paar Leu­te ent­schie­den spon­tan, die zwei Kilo­me­ter auf dem Tavi­gna­no, die wir schon vom ers­ten Tag her kann­ten, noch dran­zu­hän­gen. Wir heiz­ten die nun schon bekann­te Stre­cke hin­un­ter, hiel­ten uns kurz an der einen oder ande­ren Spiel­stel­le auf und erreich­ten den Aus­stieg gleich­zei­tig mit dem Bus, der uns abho­len kam. Tobi bewies sei­ne über­schüs­si­ge Kraft, indem er mein und sein Kajak gleich­zei­tig den stei­len Hang hoch­trug – wozu hat ein Mann denn zwei Schul­tern?!

Ent­span­nen in Por­to

Am Mitt­woch war kurs­frei. Mar­cus und ich kurv­ten über die Gebirgs­stra­ßen nach Por­to an der West­küs­te der Insel. Unter­wegs tra­fen wir immer wie­der auf die typisch kor­si­schen Schwei­ne, eine Mischung aus ver­wil­der­ten Haus­schwei­nen und Wild­schwei­nen, die in klei­nen Rudeln über die Stra­ße lie­fen.Korsika 096

Das Städt­chen Por­to liegt an einer wun­der­schö­nen Bucht. Im strah­len­den Son­nen­schein, der uns die gan­ze Woche treu blieb, schim­mer­te leuch­tend­blau das Meer. Rings­um erho­ben sich majes­tä­ti­sche Gip­fel aus röt­li­chem Gra­nit­ge­stein. Ein ecki­ger Genue­ser­turm bewach­te das klei­ne Kap am Ran­de der Bucht.

Safe­ty First: Sicher­heits­trai­ning für Padd­ler

Am Don­ners­tag stand Sicher­heits­trai­ning auf dem Pro­gramm, dazu ging es in die Tavi­gna­no-Schlucht. Wir setz­ten in einem klei­nen Stau­see ober­halb der Schlucht ein und pad­del­ten auf ruhi­gem Was­ser bis zum Wehr. Dort wur­den die Boo­te über eine lan­ge Beton­ram­pe hin­un­ter getra­gen.Korsika 363

Anfangs war das Tal noch rela­tiv offen, klei­ne, etwas ver­block­te Schwäl­le und Kata­rak­te wech­sel­ten sich mit ruhi­ge­ren Pas­sa­gen ab. Tobi ließ uns abwech­selnd vor­fah­ren und die Rou­te erkun­den, was natür­lich viel Zeit kos­te­te, da ja kei­ner von uns die Stre­cke kann­te.

Lang­sam wur­de das Tal enger, die Fels­wän­de rück­ten näher zusam­men. Auf einer son­ni­gen Kies­bank an einem Schwall mach­ten wir Pau­se.

Dann führ­ten wir an und in dem Schwall Ret­tungs­übun­gen aus. Schwim­men ins Kehr­was­ser, Wurf­sack­wer­fen, Sprin­ger­ret­tung. Lei­der muss ich geste­hen, dass der fik­ti­ve „Was­ser­fall“ hin­ter dem Schwall so eini­ge Opfer schluck­te und wir zu dem Schluss kamen, dass doch nichts über Selbst­ret­tung gin­ge!

Die Zeit ver­ging wie im Flug und es war schon nach fünf, als wir zur Wei­ter­fahrt auf­bra­chen. Da nun die eigent­li­che Schlucht­stre­cke begann und wir nicht mehr soviel Zeit hat­ten, über­nahm Tobi ab hier die Füh­rung. Rechts und links erho­ben sich senk­rech­te Fels­wän­de, die teil­wei­se so eng zusam­men­rück­ten, dass man schon befürch­te­te, mit dem Pad­del ste­cken zu blei­ben. Die Was­ser­wucht nahm deut­lich zu, aber es gab auch immer wie­der ruhi­ge Abschnit­te.

In einem stei­ni­gen Schwall schaff­te ich es nicht mehr recht­zei­tig, einem Fel­sen aus­zu­wei­chen und wur­de umge­wor­fen. Ich zog den Kopf ein, setz­te zum Rol­len an und rums­te hef­tig mit der Schul­ter gegen einen Stein. Im Augen­win­kel sah ich wei­te­re Stei­ne an mir vor­über­sau­sen. Ich roll­te hoch und hat­te genug damit zu tun, mich durch die nächs­ten Wel­len zu kämp­fen, ehe ich mir die schmer­zen­de Schul­ter rei­ben konn­te. Es war zum Glück nur eine Prel­lung, aber lei­der war die nagel­neue Tro­cken­ja­cke an der Stel­le geris­sen!

Wei­ter ging es durch die wun­der­schö­ne Schlucht mit wuch­ti­gen Rut­schen, Kur­ven mit Prall­wän­den und schma­len Durch­fahr­ten durch die Klamm.

Der Bach sel­ber war ein­fach traum­haft schön, meist tief genug um kei­nen Boden­kon­takt zu haben und fla­schen­grü­nes, glas­kla­res Was­ser. An den ruhi­ge­ren Stel­len blieb uns Zeit, die inter­es­san­ten Struk­tu­ren des Gesteins zu bewun­dern, das von hel­len Schich­ten wie Adern durch­zo­gen wur­de.

Korsika_TavignanoLang­sam wur­de das Was­ser ruhi­ger und hoch über uns kün­dig­ten zwei sich kreu­zen­de Brü­cken den bal­di­gen Aus­stieg an. Die­ser befand sich unter der neu­en Stra­ßen­brü­cke und bedeu­te­te noch ein­mal schweiß­trei­ben­des Hoch­tra­gen über den stei­len Abhang.

Und noch­mal Tavi­gna­no-Schlucht

Am Frei­tag, dem letz­ten Kurs­tag, stan­den zwei Alter­na­ti­ven zur Aus­wahl: ent­we­der noch ein­mal die Tavi­gna­no-Schlucht oder für die, die es etwas ruhi­ger aus­klin­gen las­sen woll­ten, die Tavi­gna­nostre­cke von der Genue­ser­brü­cke bis zum Stau­see ober­halb der Schlucht. Ich beweg­te mei­ne geprell­te Schul­ter vor­sich­tig und über­leg­te, ob für mich heu­te nicht eher die ruhi­ge Alter­na­ti­ve ange­sagt war.

Den Aus­schlag gab die Aus­sa­ge, dass mög­li­cher­wei­se wegen des nied­ri­gen Was­ser­stands auf der obe­ren Tavi­gna­nostre­cke Über-Kies­bän­ke-rut­schen ange­sagt sei. Nein, dann doch lie­ber noch mal kna­cki­ges Wild­was­ser in der Schlucht.

Ich habe es nicht bereut, es wur­de ein per­fek­ter Abschluss­tag. Strah­len­der Son­nen­schein, glit­zern­des Was­ser und die schwie­ri­gen Pas­sa­gen klapp­ten auch schon bes­ser als ges­tern: Second run – dou­ble fun!

Falls du Kor­si­kas Natur etwas tro­cke­ner als beim Wild­was­ser­pad­deln erle­ben willst, schau doch mal bei Julie. Sie beschreibt eine wun­der­schö­ne Wan­de­rung durch das Fan­go­tal.