Die osteuropäischen Länder sind für uns noch überwiegend weiße Flecken auf unserer Reiselandkarte. Außer Budapest haben wir dort noch nichts gesehen.

Das soll sich in den nächsten Jahren ändern. Umso mehr freuen wir uns, dass uns Carola in diesem Gastbeitrag die Schönheiten Rumäniens näher bringt!

Sieben Gründe für eine Reise nach Rumänien

Meine Ankündigung, nach Rumänien zu reisen, stößt auf Unverständnis. Im besten Fall ernte ich ein paar mitleidige Blicke. Zu viele negative Erinnerungen prägen unser Bild von diesem osteuropäischen Land: Sozialismus, Ceausescu und sein Geheimdienst Securitate, erschütternde Zustände in Waisenhäusern, Armut oder verschlammte Straßen durch trostlose Dörfer.

Es ist an der Zeit, sich von diesen Vorstellungen zu lösen, Rumänien als Reiseland – jenseits aller Vorurteile – eine Chance zu geben und mit neuen Bildern heimzukehren.

Hier verrate ich dir sieben Gründe, warum du Rumänien ernsthaft als Reiseziel ins Auge fassen solltest. So viel vorweg: Rumänien ist reich an Kultur und Naturschönheiten und fast gänzlich unverdorben vom Massentourismus.

1. Das Biosphärenreservat Donaudelta

Neben riesigen landwirtschaftlichen Nutzflächen gibt es im 238.391 km² großen Rumänien viel unberührte Natur. Mit 13 Nationalparks, drei Biosphärenreservaten und 14 Naturparks kann Rumänien aufwarten. Naturliebhaberinnen und -liebhaber kommen vor allem im Donaudelta und in den Karpaten auf ihre Kosten.

Das Donaudelta ist seit 1993 UNESCO-Weltnaturerbe. 4.178 km² stehen unter Naturschutz. Mit mehr als 300 Vogel- und insgesamt mehr als 5.000 Tier- und Pflanzenarten bietet es eine Biodiversität sondergleichen.

Das Delta besteht aus einem weit verzweigten Netz aus Wasserstraßen, Kanälen, Seen, Flussläufen, Sümpfen, Inseln, Deich- und Dünenlandschaften. Viele Dörfer im Donaudelta sind nur auf dem Wasserweg erreichbar. Somit sind Boote und Schiffe das wichtigste Verkehrsmittel. Die wenigen Menschen, die noch dauerhaft hier wohnen, leben vom Fischfang, ein wenig Landwirtschaft und Viehzucht oder während der kurzen Sommersaison vom Tourismus.

Besucher können im Donaudelta Ausflüge zum Schwarzen Meer, nach Sulina, Letea und Periprava unternehmen, fischen oder mit dem Kanu durch die Kanäle paddeln.

Weite Wasserfläche mit Pelikanen im Donaudelta.

Pelikane im Donaudelta

2. Unberührte Natur in den Karpaten

Das landschaftliche Gegenteil zur niedrigen und flachen Ebene des Donaudeltas sind die Karpaten. Die verschiedenen Gebirgszüge sind ein Paradies für Wanderinnen und Wanderer, die eine weitgehend unberührte Landschaft zu schätzen wissen. Im Nationalpark Piatra Craiului (Königsteingebirge) triffst du auf mächtige Gebirgskämme und Kalksteinformationen vergleichbar mit den Alpen. Die sanfte Hügellandschaft rund um Magura lässt sich aber auch ganz gemütlich durchstreifen.

Die Chance, in dieser Naturregion auf Wölfe oder Bären zu treffen, ist durchaus gegeben. In den Wäldern der Karpaten leben Schätzungen zufolge noch etwa 5.000 Braunbären in freier Wildbahn. Es handelt sich dabei um die größte und bedeutendste Bärenpopulation in Europa. Obwohl die Bären geschützt sind, gerät ihr Lebensraum zunehmend in Gefahr: Wälder werden abgeholzt, um Straßen und Häuser zu bauen.

Eine Bärenbeobachtung im Rahmen einer geführten Tour gehört zu jenen Dingen, die du dir in Siebenbürgen nicht entgehen lassen solltest. So bietet beispielsweise Katharina Kurmes von der Villa Hermani in Magura abendliche Fahrten ins Bärengebiet an. Oder du besichtigst das Bärenreservat in Zarnesti.

Bären auf einer Waldlichtung in den Karpaten.

Bärenbeobachtung

3. Charmante Städte mit Geschichte

Nicht nur landschaftlich hat Rumänien einiges zu bieten, die prachtvollen und geschichtsträchtigen Städte werden dich beeindrucken. Bukarest, mit seinen Prunkbauten, Alleen und der wunderschönen Altstadt, wird gerne als «Paris des Ostens» bezeichnet. Ähnlichkeiten mit der französischen Hauptstadt sind nicht von der Hand zu weisen. Selbst in Bukarest lässt sich abseits der teils hässlichen sozialistischen Protzbauten viel entdecken.

Aber auch die Städte Siebenbürgens, Brasov (Kronstadt), Sibiu (Hermannstadt) oder Sighisoara (Schäßburg) haben sich in den letzten Jahren als UNESCO-Welterbe oder europäische Kulturhauptstädte richtig herausgeputzt.

Der einstige Reichtum ist diesen Städten heute noch anzusehen. Die mittelalterlich anmutenden Zentren punkten mit ihren prachtvollen riesigen Plätzen, bunten Fassaden und teilweise gut erhaltenden Stadtmauern. In Hermannstadt haben die Dächer sogar Augen. Gemeint sind Dachgauben in unterschiedlichen Formen, trapezförmig, länglich oder abgerundet. Derartige Gauben sind typische Elemente barocker Architektur. In Hermannstadt dienten sie der Belüftung der Dachböden.

Historische Häuser in Hermmannstadt.

Hermannstadt

4. Klöster, Burgen und Schlösser

Untrennbar mit Siebenbürgen oder Transsilvanien verbunden ist die Törzburg in Bran. Die imposante Burg thront majestätisch auf einem Felsen über dem Dorf und befindet sich heute im Besitz der Habsburger. Sie wird zwar als Draculaschloss vermarktet, hat in Wirklichkeit außer einer gewissen Ähnlichkeit mit dem Schloss in Bram Stokers Roman nichts zu tun. Dennoch ist der Besuch ein eindrückliches Erlebnis.

Die Burg erhebt sich hinter grünen Bäumen.

Törzburg

Wie aus einem Märchen entsprungen wirkt das Schloss Peles in Sinaia, das gerne als Neuschwanstein der Karpaten bezeichnet wird. Das Schloss ist sehr gut erhalten.

Eine Besonderheit in Siebenbürgen sind die Kirchen- und Wehrburgen, die seinerzeit zur Verteidigung gegen Türken- und Tataren-Einfälle erbaut wurden. Überall in Rumänien gibt es orthodoxe Wallfahrtsorte und Klöster, z.B. das Kloster Sambata de Sus in Siebenbürgen. Die acht Kirchen der Moldauklöster faszinieren mit ihren farbenfrohen Fresken. In der Gegend rund um Maramures findest du mit den hölzernen Stabkirchen einen weiteren Höhepunkt der rumänischen Sakralarchitektur.

5. Ausgezeichnetes Essen

Rumänien ist zu weitläufig, um von einer einzigen Landesküche zu sprechen. Die rumänische Küche ist vielfältig und speziell, geprägt von Einflüssen aus Russland, der Türkei, Ungarn oder Deutschland.

Im Donaudelta werden selbstverständlich Donaufische aufgetischt. Zander, Hechte, Welse, Barsche, Karpfen, Karauschen oder Flusskrebse landen fangfrisch auf dem Teller – in der Suppe, gekocht, gegrillt, gebraten oder als Gulasch.

Die Küche Siebenbürgens ist deftig. Diät und Kalorienzählen sind hier fehl am Platz. Als Hauptgerichte werden Krautwickel, Kutteln, Gulasch, Lamm, Ente, Forelle und Schwein in allen Variationen serviert. Überall in Rumänien findest du Zacuscă, einen Gemüseaufstrich aus Auberginen und Paprika, Ciorbă (Suppe) in allen Variationen und vor allem Mămăligă (Polenta). Der Maisbrei ist so etwas wie das Nationalgericht und die wohl häufigste Beilage.

Ein Erlebnis für sich ist ein Besuch auf einem rumänischen Markt. Je nach Jahreszeit biegen sich die Marktstände unter der Last des saisonalen Gemüses und Obstes. Es ist eine unvergleichliche Farbenpracht. Die rumänischen Hausfrauen verbringen Stunden auf dem Markt, um das Angebot zu prüfen und dann die beste Qualität zu kaufen. Sobald du das Gemüse in Rumänien probiert hast, wirst du feststellen, dass es wesentlich aromatischer und geschmackvoller ist als das, was sich in unseren Supermarktregalen stapelt.

Marktstand in Rumänien.

Cibin Markt

Besonders empfehlen kann ich dir die rumänischen Desserts. Die Süßspeisen sind nicht so stark gezuckert wie bei uns, aber kalorienreich. In diese Kategorie fällt Papanasi, ein ausgebackenes Quarkgebäck in Form eines Donuts, das mit Sauerrahm und Konfitüre (Kirschen oder Zwetschke) serviert wird. Typisch für Siebenbürgen ist der Hanklich, ein Hefekuchen, der mit Butter und Rahm übergossen wird.

Rumänien gehört zu den größten und ältesten Weinbauregionen. Selbst wenn viele Trauben in die EU gehen, kannst du im Land selbst einige gute Tropfen trinken. Je nach Region gibt es Schnaps aus Aprikosen oder Birnen und natürlich den traditionellen Zwetschkenschnaps Palinca. Bierliebhaberinnen und -liebhaber dürfen sich ebenfalls auf gute einheimische Sorten freuen.

6. Ursprünglichkeit und Herzlichkeit, abseits von Massentourismus und eine Reise in die Vergangenheit

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass der Tourismus in Rumänien noch in den Kinderschuhen steckt und der Massentourismus noch nicht Fuß gefasst hat. Alles in allem ist Rumänien verglichen mit anderen europäischen Ländern jedoch noch relativ untouristisch. Mit der Kategorisierung «Geheimtipp» im Zusammenhang mit Reisen habe ich dennoch meine Probleme.

Unterwegs im Land wirst du beispielsweise in Siebenbürgen eine touristisch gut erschlossene Gegend kennenlernen. Die Törzburg in Bran und das Dracula-Klischee werden schamlos vermarket.

Vermutlich wirst du aber auch in Regionen kommen, wo du weit und breit die einzige Touristin oder der einzige Tourist bist. Hier ist dann ein gewisser Komfortverzicht nötig. Nicht immer entsprechen die Unterkünfte dem westlichen Standard. Wer in kleinen, familiengeführten Pensionen übernachtet wird dafür mit unverfälschter Gastfreundschaft entschädigt. Überall dort, wo Touristen noch nicht die Oberhand haben, besteht ein aufrichtiges und ehrliches Interesse an den Fremden und Reisenden. Natürlich gibt es Sprachbarrieren, aber viele Rumäninnen und Rumänen sprechen Englisch, in Siebenbürgen ist Deutsch weit verbreitet.

Siebenbürgen ist eine der letzten mittelalterlichen Landschaften in Europa. Aber auch im Donaudelta fühlt es sich an, als ob jemand die Zeit um gut 100 Jahre zurückgedreht hätte. Hirten ziehen mit ihren riesigen Schafherden durch die Landschaft und teilweise holpern immer noch primitive Pferdekarren über staubige Straßen. Das alles ist ein krasser Gegensatz zum modernen Rumänien. Denn mancherorts könnte man sich angesichts der internationalen Ketten in Deutschland oder Österreich wähnen.

Mehrere Personen sitzen in einem offenen Pferdewagen.

Reisegruppe im Donaudelta

Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 12.868 US-Dollar 2020 (Deutschland 45.723.64) ist Rumänien für Westeuropäerinnen und -europäer ein günstiges Reiseland. Die Preise für Essen, Unterkünfte und Eintritte erscheinen oftmals spottbillig. Selbstverständlich sollte das nicht der alleinige Grund für eine Reise nach Rumänien sein.

7. Mythen, Legenden und eine Zeitreise in die Vergangenheit

Transsilvanien, das klingt nach dunklen, undurchdringbaren Wäldern, Vollmondnächten, verlassenen Friedhöfen, offenen Särgen, wabernden Nebeln, gruseligen Schlössern und blutrünstigen Vampiren.

Unsere Vorstellungen von den Karpaten sind geprägt von den Bildern, die die Filmindustrie geschaffen hat. Transsilvanien wird stets mit der Geschichte Draculas verbunden. Bram Stoker, der Autor der Dracula-Bücher, war selbst nie in Rumänien. Er entwickelte die Geschichte rund um die Legende des Fürsten Vlad III, auch Draculea oder Sohn des Drachen. Seine Grausamkeiten und die Tatsache, dass er seine Gegner aufspießen ließ, brachten ihn dem Namen «Vlad, der Pfähler» ein. Er war weder ein Vampir noch saugte er das Blut von Jungfrauen.

In Rumänien selbst ranken sich die Mythen eher um Sagengestalten wie den Sensenmann, die Iele, die Santoaderi oder Solomonari, Werwölfe oder die Strigoi, den Vampiren der rumänischen Mythologie.

Ein Fall für Gänsehaut ist der Hoia-Baciu-Wald bei Cluj (Klausenburg). Das dichte Waldgebiet gilt als einer der gruseligsten Wälder überhaupt. Um den Hoia-Baciu-Wald ranken sich viele Legenden und mysteriöse Geschichten.

Angeblich sind hier schon viele Menschen spurlos verschwunden, unter anderem ein Schäfer mit einer Herde von 200 Schafen. Manche, die den Wald durchstreifen, werden von Schwindel und Ängsten geplagt. Auch ungewöhnliche Phänomene soll es hier geben: Stimmen, Lichter, Schatten, Brandspuren an Bäumen, UFO-Sichtungen und eine tote Zone ohne jegliche Vegetation.

Travellingcarola war im Herbst 2021 zwei Wochen in Rumänien unterwegs:

Donaudelta: mit dem Kanu durch das Biosphärenreservat

Transsilvanien – wo Dracula und Braunbären sich gute Nacht sagen

Hermannstadt: 10 Tipps für die Stadt, wo die Dächer Augen haben

Fotos: Carola Brunnbauer