Von Battambang aus schlagen wir unsere liebste Route ein: Verlassen der Touristenpfade. Anderthalb Stunden Busfahrt bringen uns in den unspektakulären Ort Sisophon. Dort soll uns der Taxifahrer erwarten, der uns in unseren Homestay im kleinen Dorf Banteay Chhmar bringen soll. Tut er aber nicht. Doch ein kurzes Telefonat sorgt dafür, dass er zehn Minuten später vorgefahren kommt. In den geräumigen Kofferraum des Toyota Camry passt problemlos das Gepäck von uns vieren, und auch wir selbst sitzen sehr komfortabel. Der Fahrer Ponlok spricht gutes Englisch und so können wir uns die einstündige Fahrt über gut unterhalten.

Unter anderem erfahren wir, dass zur Zeit Hochzeitssaison ist, da die Ernte verkauft und so Geld vorhanden ist. Wir wurden nämlich heute Morgen um halb fünf von lauter Musik aus der Nachbarschaft geweckt. Kambodschanische Hochzeiten werden je nach finanziellen Möglichkeiten zwei bis drei Tage gefeiert, und ein wichtiger Punkt ist die Beschallung der Nachbarschaft ab dem frühen Morgen.

Homestay in Banteay Chhmar

Strahlende Frau.

Herzliche Begrüßung im Homestay in Banteay Chhmar.

In Banteay Chhmar angekommen, werden wir zu unserer Gastfamilie gebracht. Strahlend begrüßen sie uns, auch wenn niemand Englisch spricht. Ein traditionelles Holzhaus auf Stelzen ist unsere Unterkunft. Über eine steile Stiege erreichen wir die Wohnebene, wo uns zwei einfache Zimmer erwarten.

Im Erdgeschoss haben die Eigentümer ein Badezimmer eingebaut. Mit westlichem Sitzklo, allerdings ohne Spülung. Ein großer Wasserbehälter mit Schöpfkelle sorgt fürs Wegspülen der Hinterlassenschaften. Sogar eine richtige Dusche ist vorhanden, die wie in Asien üblich, auf den Badezimmerboden abfließt.

Holzhaus auf Stelzen in Banteay Chhmar.

Unser Domizil in Banteay Chhmar.

Zimmer mit bunter Bettdecke und Moskitonetz.

Das Zimmer ist einfach, aber gemütlich.

Die Homestays werden über ein lokales Projekt organisiert und verhelfen der armen Bevölkerung zu einem kleinen Einkommen. Im Gemeinschaftshaus des Projekts bekommen wir ein schmackhaftes Mittagessen serviert. Hier können wir uns auch über die Aktivitäten der Organisation informieren.

Nachdem wir uns gestärkt haben, brechen wir auf zur Attraktion von Banteay Chhmar: eine riesige Tempelanlage aus dem 12. Jahrhundert. Sozusagen unsere Einstimmung auf Angkor Wat. Die Tempel von Banteay Chhmar stehen auf der Anwärterliste zum Weltkulturerbe.

Raum mit Infotafeln an den Wänden.

Hier gibt es leibliches und informatives Futter.

Da Banteay Chhmar so weit abseits der üblichen Routen liegt, kommen auch kaum Touristen hierher. Das ist schön für uns, haben wir die beeindruckende Anlage doch ganz für uns. Weniger schön für die lokale Bevölkerung, denn so entgehen ihnen die Einnahmen aus dem Tourismus.

Durch die Tempel von Banteay Chhmar

Die Tempelanlage stammt aus dem 12. Jahrhundert. Sie gehört zu den vier größten umfriedeten Tempelanlagen Kambodschas, neben Angkor Wat, Angkor Thom und Preah Khan.

Tempelruine neben grünem Baum.

Tempelruinen von Banteay Chhmar.

Wie überall in Kambodscha führten die Wirren des Bürgerkriegs auch hier dazu, dass viel zerstört und geplündert wurde. Dennoch ist die große Anlage beeindruckend. Ponlok führt uns herum. In einem lichtdurchfluteten Wald finden wir Mauern mit schönen Steinreliefs, mehr als halb verfallene Gebäudereste und fast komplette Tempeltürme mit den typischen Gesichtern.

Tempel mit Gesicht.

Gesichter-Tempel gibt es auch hier.

Ein Vorgeschmack auf den weltberühmten Bayon-Tempel, den wir uns in Angkor Wat ansehen werden. Dazwischen immer wieder Überreste von Wassergräben. Der äußere wird noch heute von der Bevölkerung genutzt.

Mächtige Baumwurzeln umschlingen Mauern. An einigen Stellen kommt Lara-Croft-Feeling auf.

Wir klettern über den Schutt verfallener Gebäude. Außer uns sind nur vereinzelt Gruppen der Dorfjugend anzutreffen.

Baumwurzeln umschlingen Tempelmauern.

Wie in Angkor Wat – nur viel einsamer.

Die Steinreliefs der Umfassungsmauern zeigen großformatige Schlachtszenen, mit Elefanten oder als Seeschlacht auf dem Tonle Sap. Ein steinernes Geschichtsbuch, mit dem der König seine Erfolge präsentierte. Weitere Bilder stellen vielarmige Lokeshvaras dar, Szenen aus dem Königshaus oder Ungeheurer, die Ochsen verschlingen.

Steinrelief mit Kampfszenen.

Ungeheuer frisst Ochsen. Straßenverkehr war anscheinend schon immer riskant.

Steinrelief Figur mit vielen Armen.

Lokeshvara mit sehr vielen Armen.

Acht sogenannte Satellitentempel umringen die zentrale Tempelanlage in allen vier Himmelrichtungen. Auch sie sind bzw. waren mit Gesichtern versehen.Teils liegen sie in einem Wassergraben, den die Einheimischen zum Baden und für die Wasserversorgung nutzen.

Tempel in Teich.

Einer der Satellitentempel mit umgebenden Wasserrevoir.

Schattige Hütte mit Hängematte und Schaukel.

Jetzt erstmal Pause!

Trotz des meist schattigen Geländes setzt uns die Hitze zu. So sind wir froh, den Nachmittag in unserem Homestay ausklingen zu lassen. Wir lassen uns in die Hängematten und auf eine Schaukelbank sinken. Unter einem Schatten spendenden Dach verbringen wir faul die restliche Zeit.

Kambodschanisches Dorfleben

Dabei beobachten wir interessiert den landwirtschaftlichen Verkehr, der auf der staubigen Dorfstraße unterwegs ist.

Fahrzeug auf staubiger Dorfstraße in Banteay Chhmar.

Das Treiben auf der Dorfstraße.

Kujon.

Ein Kujon.

Der Kujon ist das Zugfahrzeug, das den früher eingesetzten Ochsen ersetzt. Ein lärmender Traktormotor zwischen zwei Rädern, dazu eine lange Gabel zum Steuern. Die ist nötig, da die angehängten Gefährte, ob Wagen oder Pflug, traditionell eine lange Deichsel haben, an die die Ochsen angespannt wurden. Der Fahrer sitzt also auf dem Anhänger und lenkt von dort aus.

Überall im Dorf liegt Maniok zum Trocknen aus. Die Wurzeln werden zerkleinert und auf Planen ausgebreitet. Ein würziger Geruch liegt über der ganzen Siedlung.

Auf blauen Planen liegen weiße Maniok-Stücke auf dem Boden.

Maniok liegt zum Trocknen aus.

Große Tonkrüge.

Wasserversorgung auf dem Dorf.

Wasser wird neben den Häusern in großen Tongefäßen gesammelt und aufbewahrt. Das poröse Material sorgt dafür, dass es kühl und frisch bleibt.

Am Abend bekommen wir unter viel fröhlichem Lächeln ein leckeres Abendessen serviert. Die Herzlichkeit der Menschen hier tut wirklich gut.

Auch in Banteay Chhmar wird Hochzeit gefeiert. Einige Häuser weiter sind riesige Lautsprecherboxen aufgebaut. Und zwar richtig riesige. Die Rolling Stones würden vor Neid erblassen. Die Musik dröhnt aus zwei verschiedenen Richtungen bis elf Uhr abends. Leider herrscht die Ruhe nur bis halb fünf am nächsten Morgen, dann geht es weiter. Eine Hochzeitsgesellschaft bekommen wir nicht zu sehen, die Beschallung dient wohl erstmal zur Einstimmung.

Rückfahrt nach Sisophon

Frau mit Kind auf dem Arm winkt freundlich.

Freundlicher Abschied aus Banteay Chhmar.

Für uns geht es nach einem leckeren Frühstück zurück nach Sisophon. Auf der Fahrt erzählt uns Ponlok, wie er als Kind zwischen dem Beschuss der feindlichen Bürgerkriegsparteien ins schützende Dorf zurück gerannt ist. Seine Mutter sei vor vielen Jahren auf eine Mine getreten und habe ein Bein verloren. Die traurige Geschichte beendet er mit einem fröhlichen Lachen: „Aber sie lebt heute noch!“

Es beeindruckt uns immer wieder, wie die Kambodschaner mit ihrer schweren Vergangenheit umgehen. Wir spüren wenig Verbitterung, eher ein Annehmen der Dinge, wie sie waren. Lächelnd leben sie ihr Leben im Hier und Jetzt.

Herzlich verabschieden wir uns in Sisophon von Ponlok. Mit dem Bus geht es weiter nach Siem Reap und DEM Highlight Kambodschas: Angkor Wat.

Infos zum Aufenthalt in Banteay Chhmar

Den Homestay in Banteay Chhmar kannst du über die Organisation CBT (Community-Based Tourism) buchen. Die Erlöse kommen der Gemeinde zugute. Für die Übernachtung mit einfachem Standard zahlst du 7 US$, fürs Frühstück 2 US$ und für Mittag- und Abendessen jeweils 4 US$. Mittag- oder Abendessen kannst du entweder bei der Gastfamilie oder in den Räumen des CBT bekommen.

Der Eintritt in die Tempelanlage kostet 5US$, die Führung durch einen einheimischen Guide 10 US$.

Hinkommen: Nach Sisophon kommst du mit öffentlichen Bussen von Battambang oder Siem Reap aus, jeweils anderthalb bis zwei Stunden Fahrzeit. Die CBT lässt dich mit einem Taxi dort abholen (25 US$ pro Taxi). Nach einer Stunde Fahrzeit über eine gut ausgebaute Straße erreicht man Banteay Chhmar.

Alternativ kannst du mit dem Sammeltaxi von Sisophon aus anreisen.

Infrastruktur vor Ort: Es gibt ein Restaurant, in dem wohl auch Englisch gesprochen wird. In mehreren kleinen Läden kannst du dich mit Wasser und anderen Getränken sowie mit Snacks versorgen.

Weitere Aktivitäten:

Das CBT bietet weitere Aktivitäten:

  • Ochsenwagen- und Kuyonfahrten
  • Treffen mit Mönchen
  • traditioneller Musikabend
  • Reispapierherstellung erlernen
  • Verleih von Fahrrädern