Es geht wei­ter Rich­tung Süden. Da wir genug Zeit haben, neh­men wir für unse­re Wei­ter­rei­se statt der land­ein­wärts ver­lau­fen­den Auto­bahn die Küs­ten­stra­ße. Es geht noch durch eini­ge beschau­li­che Bade­or­te mit schö­nen Strän­den.  Dann wan­delt sich lang­sam das Bild, die Küs­te besteht aus schwar­zem, schrof­fen Lava­ge­stein, an dem sich eine gewal­ti­ge,  weiß­schäu­men­de Bran­dung bricht. An man­chen Stel­len bil­den sich soge­nann­te Souf­fleurs: das Was­ser drückt unter die Fel­sen bis zu einem Loch, durch das es in gewal­ti­gen Fon­tä­nen senk­recht nach oben gepresst wird.

Le Gouffre

Le Gouffre

An einer sol­chen wild­ro­man­ti­schen Stel­le der Küs­te fin­den wir einen Pick­nick­platz, an dem wir unse­re Mit­tags­rast ein­le­gen. Hier befin­det sich Le Gouffre, ein Fels­be­cken im schwar­zen Gestein, durch einen schma­len Kanal zum Meer hin wird die tosen­de Bran­dung hier her­ein gedrückt, die Was­ser­mas­sen explo­die­ren gera­de­zu an den Fels­wän­den. Uns läuft ein Schau­er über den Rücken, als wir rings­um Kreu­ze und Gedenk­stei­ne ent­de­cken, die für die­je­ni­gen, die hier den Frei­tod gesucht haben auf­ge­stellt wur­den. Wie groß muss die Ver­zweif­lung sein, um in ein sol­ches Höl­len­loch zu sprin­gen?

Westküste

Der male­ri­sche Ort L’Ent­re-Deux gilt als das schöns­te kreo­li­sche Dorf auf Reuni­on. Auf einem Hoch­pla­teau zwi­schen zwei tie­fen Schluch­ten gele­gen und dadurch lan­ge Zeit recht abge­schie­den hat sich hier viel Ursprüng­lich­keit erhal­ten.

Entre-Deux

L’Ent­re-Deux

Die kreo­li­schen Häu­ser sind aus bunt ange­stri­che­nem Holz gebaut, mit typi­schen Dekor­ele­men­ten und Schnit­ze­rei­en,  wie eine durch­bro­che­ne  Schutz­blen­den an den Dach­kan­ten, die wie eine Spit­zen­bor­te wir­ken.

Typisch kreolisches Haus in L'Entre-Deux

Typisch kreo­li­sches Haus in L’Ent­re-Deux

Wir machen einen Rund­gang durch den Ort und bewun­dern ver­schie­de­ne Häu­ser. Als krö­nen­den Abschluss gibt es in einer Patis­se­rie Kaf­fee und Tört­chen – wir sind ja in Frank­reich!

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So gestärkt neh­men wir die Berg­stra­ße nach Cia­los in Angriff. Sie soll 420 Keh­ren haben, wir haben uns das Nach­zäh­len geschenkt. Es sind auf jeden Fall sehr vie­le!

Nach andert­halb Stun­den Fahr­zeit über die kur­ven­rei­che Stra­ße errei­chen wir unser Chambre d’hô­tes. Als wir die Auto­tü­ren öff­nen schau­ern wir in der küh­len Höhen­luft. Hier auf 1100 Meter Höhe herr­schen ande­re Tem­pe­ra­tu­ren als unten an der Küs­te und wir beei­len uns, unse­re kur­zen Kla­mot­ten gegen etwas Wär­me­res zu tau­schen.

Eine ers­te Run­de durch Cia­los ist etwas ernüch­ternd: im Rei­se­füh­rer als „schmu­cker Ther­mal­kur­ort” beschrie­ben, hat es sei­ne bes­ten Zei­ten ganz offen­sicht­lich hin­ter sich. Vie­le Gebäu­de wir­ken schä­big, dem Denk­mal des Sänf­ten­trä­gers vor dem Rat­haus fehlt ein Arm, das Hotel des Ther­mes hat sei­ne Türen schon vor lan­ger Zeit geschlos­sen. Das Ange­bot in den klei­nen Super­märk­ten ist begrenzt, die Waren teil­wei­se staub­be­deckt.

Und dann sehen wie SIE: in drei bis vier Meter Höhe hän­gen meh­re­re Sei­den­spin­nen, die dort zwi­schen zwei Bäu­men ihre Net­ze gespon­nen haben. Die Spin­nen sind groß. Sehr groß. Wir hat­ten bereits über sie gele­sen, aber in den Bade­or­ten des Wes­tens noch kei­ne zu sehen bekom­men. Hier oben in den Ber­gen sieht man sie nahe­zu über­all. Zum Glück sind sie harm­los, außer Tou­ris­ten zu erschre­cken tun sie nix.

Seidenspinne, handtellergroß

Sei­den­spin­ne, hand­tel­ler­groß

Am nächs­ten Mor­gen bie­tet sich uns ein fan­tas­ti­sches Pan­ora­ma beim Blick aus dem Fens­ter und die ges­tern etwas gedämpf­te Lau­ne steigt wie­der.

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Im Office de Tou­ris­me las­sen wir uns Tou­ren­vor­schlä­ge machen und bre­chen auf zur Wan­de­rung zum Roche Mar­veil­leu­se, von wo aus man eine gran­dio­se Aus­sicht über den gesam­ten Cir­que haben soll. Die Son­ne heizt die küh­le Mor­gen­luft bald auf ange­neh­me Tem­pe­ra­tu­ren. Unser Weg führt durch den Wald auf­wärts auf gut begeh­ba­rem Pfad. Zuerst hal­ten wir noch etwas ange­spannt Aus­schau, ob wir nicht unver­se­hens im Netz einer Sei­den­spin­ne lan­den, das die­se viel­leicht quer über den Weg gespannt hat. Doch anschei­nend sind die Spin­nen so schlau, dass sie ihre Net­ze lie­ber in grö­ße­ren Höhen anbrin­gen, wo sie nicht von unacht­sa­men Wan­de­rern zer­stört wer­den.

Am Roche Mar­veil­leu­se auf etwa 1400 Meter ange­kom­men stei­gen wir auf die Aus­sichts­platt­form und sehen den Cir­que in sei­ner gan­zen Aus­deh­nung. Ent­stan­den aus einem ehe­ma­li­gen Mag­ma­be­cken eines alten Vul­kans hat er eine nahe­zu kreis­run­de Form. Im Nor­den erhebt sich der Piton des Nei­ges, der höchs­te Berg der Insel, im Süden öff­net sich der Tal­kes­sel zu der Schlucht, durch die uns die Stra­ße geführt hat.

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Ein bota­ni­scher Lehr­pfad kann von hier noch began­gen wer­den. Wir machen die andert­halb­stün­di­ge Run­de durch einen ver­wun­schen wir­ken­den Wald. Dazwi­schen immer wie­der gro­ße Fel­sen, die mit Moos und Flech­ten bewach­sen sind.

Am Pick­nick­platz am Roche Mar­veil­leu­se ver­zeh­ren wir unse­re Baguettes, bevor wir uns auf den Rück­weg machen. Ein klei­ner Abste­cher führt uns zum Bas­sin bleu, ein Was­ser­be­cken in einem Gebirgs­bach. Gro­ße, vom Was­ser glatt geschlif­fe­ne Gra­nit­plat­ten, die jetzt tro­cken lie­gen und die Son­nen­wär­me gespei­chert haben laden noch mal zu einer Run­de Fau­len­zen ein.

Schließ­lich zie­hen Wol­ken auf und wir tre­ten den Rück­weg an. Heu­te Abend haben wir das Table d’hô­tes bestellt. Zum ers­ten Mal ler­nen wir die loka­le creo­li­sche Küche ken­nen. Es gibt Chouchou­gra­tin, der ähn­lich wie Blu­men­kohl schmeckt. Chouchou ist ein typi­sches Gemü­se, wir haben die hell­grü­nen Knol­len schon oft im Super­markt gese­hen. Nach dem Gra­tin wird der Haupt­gang ser­viert: Reis, grü­ne klei­ne Lin­sen, eine Sezia­li­tät aus Cia­los und dazu Car­ri de boeuf. Car­ri ist das Natio­nal­ge­richt, das aus gebra­te­nen Fleisch- oder auch Fisch­stü­cken in einer Sau­ce aus klein geschnit­te­nen Toma­ten, Zwie­beln, Knob­lauch und Gewür­zen besteht. Sehr lecker, nur die beglei­ten­den Würz­so­ßen Rou­gail und Piment soll­te man nur in homöo­pa­thi­schen Dosen neh­men, denn sie sind sehr, sehr scharf.

Als wir am Mor­gen das Fens­ter öff­nen, sehen wie rings­um schon Wol­ken, die Gip­fel sind in einen dicken wei­ßen Wat­teman­tel gehüllt. Da der Spaß am Gip­fel­er­klim­men ja zu einem gro­ßen Teil dar­in besteht, die Aus­sicht von oben genie­ßen zu kön­nen fällt damit der Auf­stieg zum Col Tai­bit aus und wir müs­sen uns eine Alter­na­ti­ve über­le­gen. Die Wahl fällt auf die Wan­de­rung zu den Cas­ca­des de Bras Rouge, da wir damit in einer Höhe blei­ben, in der wir nicht durch Wol­ken­ne­bel wan­dern müs­sen.
Von Cila­os aus geht es abwärts in einen Bereich,  der mit „Anci­en­nes Ther­mes” aus­ge­schil­dert ist. Von den alten Ther­men ist aller­dings nicht mehr viel zu erken­nen, so dass wir uns nicht mit Sight­see­ing auf­hal­ten brau­chen. Nur die rie­si­gen Gru­sel­spin­nen zwi­schen den Zwei­gen neben den Weg zie­hen unse­re Auf­merk­sam­keit auf sich.

Es geht über vie­le Stu­fen abwärts. Unten im Tal rauscht ein Wild­bach, rings­um ist tro­pi­sche Vega­ta­ti­on. Wan­del­rös­chen wach­sen hier zu gro­ßen Hecken her­an. Wei­ter oben haben wir in den Gär­ten rie­si­ge Büsche von Weih­nacht­ster­nen gese­hen, eine Spe­zi­es, die ich bis­lang nur als Topf­pflan­ze kann­te, die bei mir maxi­mal sechs Wochen über­leb­te.

XXL-Weihnachtsstern

XXL-Weih­nachts­stern

Schließ­lich errei­chen wir einen klei­nen Bach­lauf, der in zwei Kas­ka­den her­un­ter­fällt. Wir que­ren über eini­ge Stei­ne das Bach­bett und klet­tern auf die Fels­plat­ten neben die klei­ne Kas­ka­de, um dort eine Pau­se ein­zu­le­gen. Irgend­wie hat­ten wir uns die Cas­ca­de de Bras Rouge impo­san­ter vor­ge­stellt als die­ses roman­tisch mur­meln­de Bäch­lein.

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Nach unse­rer Pau­se keh­ren wir um, dann beschlei­chen uns aller­dings Zwei­fel,  ob wir wirk­lich an der rich­ti­gen Stel­le waren. Nach kur­zer Berat­schla­gung dre­hen wir wie­der um und lau­fen zurück Rich­tung Cas­ca­de. Wir balan­cie­ren durch das Bach­bett und fol­gen dem Pfad auf der ande­ren Sei­te. Das Rau­schen des Was­sers wird lau­ter und nach wei­te­ren zehn Minu­ten ste­hen wir wirk­lich an den Cas­ca­des de Bras Rouge. Ober­halb zeigt sich ein weit­ge­hend tro­cke­nes Fluss­bett aus einem Gewirr von gro­ßen Fels­bro­cken. Direkt vor uns lie­gen rund- und glatt­ge­wa­sche­ne Fels­plat­ten, die von der Gewalt des Was­sers zeu­gen, dass hier nach Regen­fäl­len durch­fließt. Zwei klei­ne Rinn­sa­le mit Was­ser sind im Moment zu sehen und erst auf den zwei­ten Blick erken­nen wir, dass die­se plötz­lich ver­schwin­den – wir ste­hen an der obe­ren Kan­te eines Was­ser­falls, des­sen immense Höhe wir von hier aus gar nicht ermes­sen kön­nen. Die rund geschlif­fe­nen Fels­kan­ten las­sen eine Annä­he­rung an die Abriss­kan­te nicht zu und so kön­nen wir nur erah­nen, wie tief es hin­un­ter­geht.

Da geht es ganz tief runter!

Da geht es ganz tief run­ter!

Am nächs­ten Mor­gen lacht wie­der die Son­ne, als hät­te der gest­ri­ge Spuk nie statt­ge­fun­den. Wir freu­en uns, bei bes­tem Wet­ter die Pan­ora­ma­stra­ße run­ter­fah­ren zu kön­nen.

Bei der Fahrt Rich­tung Küs­te stau­nen wir wie­der über das groß­ar­ti­ge Pan­ora­ma, das sich uns bie­tet und bei jeder Kur­ve wech­selt. Der Weg kommt uns viel kür­zer vor als auf der Hin­fahrt.

Als Zwi­schen­ziel haben wir uns St. Pierre aus­ge­guckt, eine quir­li­ge Küs­ten­stadt.
Hier besich­ti­gen wir kurz nach­ein­an­der eine Moschee und eine Pago­de.

Pagode in St. Pierre

Pago­de in St. Pierre

Moschee in St. Pierre

Moschee in St. Pierre

Ein Hin­du­tem­pel wäre auch noch zu besich­ti­gen gewe­sen, war aber wegen Bau­ar­bei­ten geschlos­sen. Es gibt auf jeden Fall eine gro­ße Viel­falt an Reli­gio­nen hier in Reuni­on, die offen­sicht­lich fried­lich neben­ein­an­der exis­tie­ren.

An der Strand­pro­me­na­de schlen­dern wir zurück. Drau­ßen bricht sich wie immer eine ein­drucks­vol­le Bran­dung. Eine Grup­pe Kite­sur­fer tobt sich aus und wir set­zen uns auf eine Bank, um ihre wag­hal­si­gen Manö­ver und Sprün­ge zu beob­ach­ten.

Eine ande­re Spe­zi­es erregt unse­re Auf­merk­sam­keit: die hie­si­gen Spat­zen, nach ihrem Ruf Tec-Tec genannt scha­ren sich zuver­läs­sig um einen, wenn sie Bro­cken von einem Pick­nick erhof­fen. Dabei reicht für ihre Hoff­nung ofen­sicht­lich bereits, wenn man sich auf einer Bank nie­der­lässt und sie hüp­fen fast ohne jeg­li­che Scheu um einen her­um und sto­ßen ihren cha­rak­te­ris­ti­schen Ruf aus.
Ein ande­rer Vogel, den man auf Reuni­on stän­dig antrifft ist der Dodo. Auch wenn er längst aus­ge­stor­ben ist, lebt er als Wap­pen­tier der hei­mi­schen Bier­mar­ke wohl für immer fort ;-)

Reunion015

zum Vul­kan.…