Nach­mit­tags tref­fen wir in unse­rem Chambre d’hô­tes in Plai­ne des Caf­res ein. Dort herrscht schon viel Tru­bel, abends steht die Tauf­fei­er für die Enke­lin unse­rer Gast­ge­ber an. In der Küche hek­ti­sche Betrieb­sam­keit, denn für die 130-Per­so­nen-Fei­er berei­tet jeder etwas zu. Vie­le Fami­li­en­mit­glie­der tref­fen sich im Haus unse­rer Gast­ge­ber, um von hier aus gemein­sam zum Ort der Fei­er auf­zu­bre­chen. Dabei kön­nen wir mal wie­der beob­ach­ten, wie bunt reunio­ne­si­sche Groß­fa­mi­li­en zusam­men­ge­setzt sind. Es fin­den sich oft alle Haut­far­ben vom dun­kels­ten Braun bis zu Weiß und alle Nuan­cen dazwi­schen. Ein Indiz, dass die Gesell­schaft, die aus wei­ßen Kolo­nia­lis­ten, schwar­zen Skla­ven, tami­li­schen und indi­schen Arbei­tern bestand, ohne Res­sen­ti­ments zusam­men gewach­sen ist.

Die Attrak­ti­on schlecht­hin in die­ser Gegend ist natür­lich der Vul­kan. Der Piton de la Four­nai­se ist einer der aktivs­ten Vul­ka­ne der Welt, der freund­li­cher­wei­se sei­ne Lava­strö­me auf einer brei­ten Bahn Rich­tung Meer schickt, so dass kei­ne mensch­li­chen Sied­lun­gen gefähr­det wer­den. Man kann den Vul­kan in Zei­ten sei­ner Inak­ti­vi­tät bestei­gen, soll­te dazu aber früh auf­ste­hen, denn ab mit­tags kann das Wet­ter unbe­stän­dig wer­den und für Wan­de­rer gefähr­li­che Nebel auf­zie­hen.

Piton de la Fournaise

Piton de la Four­nai­se

Damit kommt eine Vul­kan­wan­de­rung heu­te schon mal nicht in Fra­ge, denn ers­tens sind wir nicht früh auf­ge­stan­den und zwei­tens wol­len wir uns erst infor­mie­ren, denn wir wis­sen noch nicht, ob wir uns die­se Tour über­haupt zutrau­en.

Wir befah­ren die Rou­te des Vol­cans daher rein auto­tou­ris­tisch. Bei die­ser Stre­cke fährt man von einem land­schaft­li­chen High­light zum nächs­ten und folgt dem „Weg” des Vul­kans. Als Hot­spot­vul­kan bleibt er zwar eigent­lich an Ort und Stel­le, durch die Drift der Kon­ti­nen­tal­plat­ten ver­än­dert sich aber sein Aus­tritts­ort an der Erd­ober­flä­che. Unser Vul­kan hier hat schon eine Rei­he von alten Kra­tern hin­ter­las­sen, die ent­lang der Rou­te des Vol­cans zu besich­ti­gen sind.

Wir fah­ren zunächst durch eine Land­schaft, die an euro­päi­sche Gebir­ge erin­nert: Kuh­wei­den, dann Nadel­wald. Immer höher schraubt sich die Stra­ße und auf 2136 m Höhe errei­chen wir den Aus­sichts­punkt Nez de Boeuf, von aus wir einen phan­tas­ti­schen Blick in die Schlucht Riviè­re des Rem­parts haben, die ältes­te Cal­de­ra des Piton de la Four­nai­se, ent­stan­den durch den Zusam­men­bruch der Mag­ma­kam­mern. 1000 m tief unter uns liegt der Boden der Schlucht, steil ragen die seit­li­chen Wän­de empor.

Rivière des Remparts

Riviè­re des Rem­parts

Schräg gegen­über in der Kan­te der Schlucht­wand kön­nen wir das nächs­te Ziel erken­nen, den Kra­ter Com­mer­son. Dort ist unser nächs­ter Stopp. Von einer Platt­form aus kann man bis zum Boden des Kra­ters bli­cken.

Wei­ter geht die Fahrt durch eine immer spär­li­che­re Vege­ta­ti­on aus halb­ver­dorr­ten Hei­de­bü­schen. Wir fah­ren bis zum Pas de Sables, klet­tern vom Park­platz aus ein klei­nes Stück den Hügel hoch und hal­ten den Atem an, als wir die Plai­ne des Sables erbli­cken.

Mondlandschaft der Plaine des Sables

Mond­land­schaft der Plai­ne des Sables

Eine wei­te Ebe­ne aus rotem Sand und ver­streu­ten Fels­bro­cken, unwirk­lich wie eine Mond­land­schaft. Kein Baum, kein Strauch, kein Pflänz­chen ist zu sehen. Dies war vor lan­ger Zeit der zwei­te Gip­fel des Piton de la Four­nai­se, der mehr­mals in sich zusam­men­brach.

Fünf schar­fe Keh­ren – natür­lich ohne irgend­wel­che Absi­che­rung in Form von Leit­plan­ken oder Mäu­er­chen – brin­gen uns vom Kra­ter­rand auf die 80 m tie­fer gele­ge­ne Ebe­ne. Hier endet der Stra­ßen­be­lag, auf stau­bi­ger Schot­ter­pis­te geht es wei­ter. Klei­ne­re und grö­ße­re Vul­kan­ke­gel ragen aus der Ebe­ne her­aus. Fünf Kilo­me­ter wei­ter errei­chen wir den Pas de Bel­le­com­be und damit das Ende der Rou­te. Für die 23 Kilo­me­ter lan­ge Stre­cke haben wir zwei Stun­den gebraucht.

Von der Aus­sichts­ba­lus­tra­de aus haben wir direk­ten Blick auf den Piton de la Four­nai­se. Majes­tä­tisch erhebt er sich in der jüngs­ten Cal­de­ra (4700 Jah­re sind bei Vul­ka­nen jung!), der Enclos Fou­qué, die eine zum Meer hin offe­ne Huf­ei­sen­form hat.

Rand der Caldera

Rand der Cal­de­ra

So kön­nen die Lava­strö­me über den Hang Grand Brû­lé zum Oze­an abflie­ßen. Wir ste­hen und bestau­nen die sur­re­al wir­ken­de Land­schaft. Die Grand Brû­lé ist mit Wol­ken bedeckt, die mit Nebel­schwa­den an der Enclos lecken, aber nicht wei­ter her­auf zie­hen. Obwohl schon Mit­tag ist und nach ein­hel­li­ger Mei­nung von Rei­se- und Wan­der­füh­rer schon alles wol­ken­be­deckt sein müss­te. Statt des­sen strah­len­der Son­nen­schein und blau­er Him­mel.

Da geht's runter Richtung Meer

Da geht’s run­ter Rich­tung Meer

Wenn wir uns umdre­hen, sehen wir im Nor­den in der Fer­ne den gro­ßen Bru­der des Piton de la Four­nai­se auf­ra­gen, den inzwi­schen erlo­sche­nen Vul­kan Piton des Nei­ges.

Pitons des Neiges

Pitons des Nei­ges

Getreu dem Mot­to: „Von einem Vul­kan kann man gar nicht genug Fotos haben” knip­sen wir Bild um Bild. Und eigent­lich ist uns jetzt klar, dass wir auf den Vul­kan wol­len.

Da wollen wir hin!

Da wol­len wir hin!

Nach zwei Stun­den am Pas de Bel­le­com­be, die wir mit Gucken, Pick­nick, Gucken, Son­nen, Gucken.… ver­brin­gen, quel­len die Wol­ken all­mäh­lich über die Käm­me der Sei­ten­tä­ler.

Wir tre­ten den Rück­weg an und bald hän­gen die Wol­ken links und rechts in den Hän­gen neben uns. Kurz dar­auf tau­chen wir in die Wol­ken ein, es wird feucht und neb­lig, die Land­schaft wird zu gespens­ti­schen Bil­dern von ver­schwom­me­nen Büschen und Bäu­men.

Vulkan

Der Nebel beglei­tet uns bis auf die Hoch­ebe­ne, erst als wir Rich­tung Küs­te fah­ren, klart es wie­der auf.

Auf dem Rück­weg schau­en wir noch von der Hoch­ebe­ne bei Bois-Rouge auf Grand Bas­sin, wo 750 m tie­fer ein klei­ner Wei­ler liegt, der nur in einer mehr­stün­di­gen Wan­de­rung vom Hoch­pla­teau aus zu errei­chen ist. Kei­ne Auto­stra­ße ver­bin­det die weni­gen Bewoh­ner des Orts mit der Außen­welt. Ledig­lich ein Las­ten­auf­zug bie­tet die Mög­lich­keit, Waren ins Dorf zu trans­por­tie­ren.

Grand Bassin

Grand Bas­sin

 

Wir sind nicht die pas­sio­nier­ten Früh­auf­ste­her und so muss sie­ben Uhr als Früh­stücks­zeit rei­chen. Da ges­tern so lan­ge schö­nes Wet­ter auf dem Vul­kan war, hof­fen wir heu­te auch dar­auf.

Die Rou­te des Vol­cans wird dies­mal zügig durch­fah­ren und um neun Uhr sind wir auf dem Pas de Bel­le­com­be.

Die Wan­de­rung beginnt mit dem Abstieg vom gut 100 m hohen Kra­ter­rand in die Lava­ebe­ne der Enclos Fou­qué. Über gro­be Stu­fen, stets mit einem Gelän­der gesi­chert, geht es hin­un­ter. Der Weg ist mit wei­ßen Punk­ten mar­kiert, die alle zwei Meter auf die Lava ange­bracht wur­den. Es geht über die Ebe­ne, die gar nicht eben ist, die erstarr­te Lava bil­det Wel­len, Bla­sen, Löcher, Stri­cke, Bro­cken, Ris­se – man muss bei jedem Schritt dar­auf ach­ten, wo man hin­tritt.

Stricklava

Strick­la­va

Lang­sam beginnt der eigent­li­che Auf­stieg auf den Piton de la Four­nai­se. Wir pas­sie­ren eine Lava­grot­te, die Cha­pel­le de Rose­mont.

Vulkan

Nach eini­ger Zeit errei­chen wir den schwar­zen Lava­stroms des jüngs­ten Aus­bruchs von 2007. Ein Warn­schild infor­miert uns, dass der Bereich insta­bil ist, man soll nur auf dem mar­kier­ten Pfad gehen.

Vulkan

Dadurch, dass die Lava zuerst an der Ober­flä­che erstarrt, dar­un­ter aber noch wei­ter fließt kön­nen sich Hohl­räu­me bil­den, die irgend­wann ein­stür­zen.

Vulkan

Jetzt sehen wir, dass von der Grand Brû­lé Wol­ken auf­zie­hen, die ers­te Fet­zen in die Enclos schie­ben. Nebel hier oben kann sehr gefähr­lich wer­den. Wenn man erst­mal vom Weg abge­kom­men ist, hat man in die­ser Stein­wüs­te kei­ner­lei Ori­en­tie­rungs­punk­te mehr. Wir beob­ach­ten skep­tisch die Wol­ken und berat­schla­gen, ob wir umkeh­ren sol­len. Sie schei­nen jedoch nicht wei­ter vor­zu­drin­gen und so ent­schlie­ßen wir uns zum Wei­ter­ge­hen.

Nach drei Stun­den haben wir unser Ziel erreicht: den Kra­ter Dolo­mieu, der Haupt­kra­ter des Piton de la Four­nai­se. Fast 400 m tief, man könn­te den Eif­fel­turm kom­plett hin­ein­stel­len.

Der Gipfel ist erreicht!

Der Gip­fel ist erreicht!

Krater

Kra­ter Dolo­mieu

Nach­dem wir flei­ßig Fotos geschos­sen haben, packen wir Baguette, Sala­mi, Käse und Toma­ten aus und genie­ßen unse­re wohl­ver­dien­te Mahl­zeit.

Blick vom Vulkangipfel bis zum Meer

Blick vom Vul­kan­gip­fel bis zum Meer

Aber lan­ge hält es uns nicht, denn es war­tet ja noch der Rück­weg. Schließ­lich ist es geschafft und vol­ler Stolz bli­cken wir zurück zu „unse­rem” Vul­kan. Es ist vier Uhr, als wir zum Auto zurück­kom­men, wir waren ein­schließ­lich Pau­sen sie­ben Stun­den unter­wegs.

Als wir hin­un­ter fah­ren, sehen wir, dass sich die umlie­gen­den Täler wie­der mit Wol­ken gefüllt haben. Ein wei­te­res sur­rea­les Bild bie­tet sich uns: ein blen­dend wei­ßes Wol­ken­meer, aus dem die Gip­fel des Piton des Nei­ges und wei­te­rer Ber­ge wie Inseln her­vor ragen.(G)

Piton des Neiges als Insel im Wolkenmeer

Piton des Nei­ges als Insel im Wol­ken­meer

wei­ter zur Süd­küs­te.…