Nach­dem wir den viel­leicht berühm­tes­ten Fried­hof Süd­ame­ri­kas, den Cemen­te­rio Reco­le­ta besich­tigt haben, wol­len wir uns auch sein unbe­kann­te­res Pen­dant, den Cemen­te­rio Cha­ca­ri­ta anse­hen. Er ist flä­chen­mä­ßig um ein Viel­fa­ches grö­ßer und heu­te der Haupt­fried­hof von Bue­nos Aires.


Mit dem Bus errei­chen wir den gleich­na­mi­gen Stadt­teil Cha­ca­ri­ta. Hier ist alles gleich ein biss­chen weni­ger schick als in Reco­le­ta und Paler­mo, wo wir uns bis­her über­wie­gend bewegt haben. Der Bus hält vor dem Bahn­hof Cha­ca­ri­ta, des­sen Exis­tenz eng mit der des Fried­hofs ver­knüpft ist. Als 1871 die gro­ße Gelb­fie­ber­epi­de­mie Bue­nos Aires heim­such­te, brauch­te man drin­gend einen Ort, wo man die vie­len Toten bestat­ten konn­te. Cha­ca­ri­ta, dass zu die­sem Zeit­punkt nur aus ein paar Far­men bestand schien dafür geeig­net. Um die Lei­chen schnell dort­hin brin­gen zu kön­nen, wur­den Glei­se ver­legt.  So ent­stand der Grund­stein für den Bahn­hof und den Ort.

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Wir keh­ren zunächst in ein gro­ßes Schnell-Restau­rant gegen­über dem Bahn­hof ein und ver­zeh­ren eine Piz­za Moz­za­rel­la an den ein­fa­chen Steh­ti­schen. Die Piz­za besteht übri­gens über­wie­gend aus Moz­za­rel­la, Boden und Belag spie­len nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le!

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So gestärkt über­que­ren wir den Vor­platz und gehen durch das gigan­ti­sche Säu­len­por­tal des Fried­hofs. Als ers­tes betritt man ein Are­al, das aus stei­ner­nen Mau­so­le­en, ähn­lich wie der Cemen­te­rio Reco­le­ta, besteht. Dicht an dicht ein Toten­haus neben dem ande­ren.

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Brei­te, gepflas­ter­te Stra­ßen füh­ren hin­durch, teils mit Bäu­men bestan­den. An vie­len Mau­so­le­en nagt deut­lich der Zahn der Zeit. Offen­sicht­lich sind vie­le der ehe­mals rei­chen Fami­li­en erlo­schen oder es feh­len ihnen die Mit­tel, ein Prunk-Mau­so­le­um zu unter­hal­ten. Für uns befremd­lich ist, dass Sär­ge nicht nur in der unter­ir­di­schen Gruft, son­dern auch im obe­ren Teil gut sicht­bar ste­hen.

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Hin­ter der Toten­stadt folgt ein rau­ten­för­mi­ger Platz. Er ist gesäumt von meh­re­ren Kapel­len, in denen die Trau­er­fei­ern statt­fin­den.

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Lei­chen­wa­gen von Peu­geot – das fas­zi­niert den Auto­mo­ti­ve Engi­neer ;-)

Hin­ter dem Platz erstreckt sich eine wei­te Flä­che, auf der zunächst nur gro­ße Vier­ecke aus nied­ri­gen Mau­ern zu erken­nen sind. Auf dem Fried­hofs­plan war das Gebiet mit „gale­rías” bezeich­net. Was damit gemeint ist, erken­nen wir, als wir uns nähern. Über die Mau­er­brüs­tung sieht man drei unter­ir­di­sche umlau­fen­de Gale­ri­en, von denen zig Gän­ge abge­hen. In einem sol­chen Gang befin­den sich 120 Grab­stät­ten in Form von Fächern für je einen Sarg. Die Optik hat ein biss­chen was von Gepäck­auf­be­wah­rung.

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Von die­sen Gale­ri­en gibt es eini­ge, eine unglaub­li­che Anzahl von Grab­stät­ten. Für eine Stadt mit eini­gen Mil­lio­nen Ein­woh­nern ver­mut­lich auch nötig.
Wir stei­gen in eine der Gale­ri­en hin­ab. Auch wenn der Innen­hof grün ist, wir­ken die lan­gen Gän­ge sehr trist. An eini­gen Grä­bern sind Plas­tik­blu­men befes­tigt. Viel Platz für Schmuck bie­ten die Türen nicht.

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Außer den rie­si­gen Gale­ri­en gibt es noch weit­läu­fi­ge Fel­der mit Erd­grä­bern, wie wir sie von unse­ren Fried­hö­fen ken­nen. Auch hier sind nicht alle Grä­ber geschmückt, viel­fach fehlt auch ein Grab­stein. Statt des­sen steht ein ein­fa­ches Holz­kreuz da. Eini­ge der Grä­ber sind zu einer tie­fe­ren Gru­be ein­ge­sun­ken, viel­leicht auch schon wie­der aus­ge­räumt? In einer die­ser Gru­ben mei­nen wir ein künst­li­ches Hüft­ge­lenk zu sehen – gru­se­lig!

Eine wei­te­re Beson­der­heit die­ses Fried­hofs sind Pan­the­o­ne von bestimm­ten Grup­pen: sei­en es reli­giö­se Gemein­schaf­ten, Gewerk­schaf­ten, Poli­zei, Mari­ne und ande­re mili­tä­ri­sche Korps. Sie bestehen aus einem Tem­pel und dar­un­ter lie­gen­den eige­nen gale­ri­as.

Ein ande­rer Teil des rie­si­gen Are­als ist auf dem Plan als deut­scher und bri­ti­scher Fried­hof gekenn­zeich­net. Hier hat­ten im 19. Jahr­hun­dert die Ein­wan­de­rer und ihre Nach­fah­ren ihre Bestat­tungs­plät­ze. Offen­sicht­lich besteht heut­zu­ta­ge kei­ne Not­wen­dig­keit mehr dafür, denn die Flä­chen bestehen aus Gras­flä­chen mit ein­zel­nen ver­fal­le­nen Grab­stät­ten.

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Wir been­den unse­ren Rund­gang und haben einen inter­es­san­ten Ein­blick in argen­ti­ni­sche Begräb­nis­kul­tur gewon­nen.