Der Cirque de Cilaos, einer der drei großen Talkessel auf La Reunion ist unser nächstes Ziel. Wie die anderen Kessel entstand auch der Cirque de Cilaos aus zusammengebrochenen Magmakammern des erloschenen Vulkans.

Entlang der Küstenstraße Richtung Süden

Von der Westküste aus geht es weiter Richtung Süden. Da wir genug Zeit haben, nehmen wir für unsere Weiterreise statt der landeinwärts verlaufenden Autobahn die Küstenstraße. Es geht durch einige beschauliche Badeorte mit schönen Stränden. Dann wandelt sich langsam das Bild. Die Küste besteht aus schwarzem, schroffen Lavagestein, an dem sich eine gewaltige,  weiß schäumende Brandung bricht. An manchen Stellen bilden sich sogenannte Souffleurs: das Wasser drückt unter die Felsen bis zu einem Loch, durch das es in gewaltigen Fontänen senkrecht nach oben gepresst wird.

Meerwasser schäumt in schmaler Felsspalte.

Le Gouffre.

An einer solchen wildromantischen Stelle der Küste finden wir einen Picknickplatz, an dem wir unsere Mittagsrast einlegen. Hier befindet sich Le Gouffre, ein Felsbecken im schwarzen Gestein. Durch einen schmalen Kanal zum Meer hin wird die tosende Brandung hier herein gedrückt. Die Wassermassen explodieren geradezu an den Felswänden. Uns läuft ein Schauer über den Rücken, als wir ringsum Kreuze und Gedenksteine entdecken, die für diejenigen, die hier den Freitod gesucht haben aufgestellt wurden. Wie groß muss die Verzweiflung sein, um in ein solches Höllenloch zu springen?

Gedenkkreuze in der Landschaft.

Die vielen Gedenkkreuze bezeugen tragische Schicksale.

Zwischenstopp in L’Entre-Deux

Der malerische Ort L’Entre-Deux gilt als das schönste kreolische Dorf auf La Reunion. Auf einem Hochplateau zwischen zwei tiefen Schluchten gelegen und dadurch lange Zeit recht abgeschieden hat sich hier viel Ursprünglichkeit erhalten.

Ausladender großer Baum.

Tropischer Baum in L’Entre Deux.

Haus mit Holzschindelwänden und kleinen Vordächern.

Typisch kreolisches Haus auf La Reunion.

Die kreolischen Häuser sind aus bunt angestrichenem Holz gebaut oder mit Holzschindelwänden versehen. Sie punkten mit typischen Dekorelementen und Schnitzereien, wie durchbrochene Schutzblenden an den Dachkanten, die wie Spitzenborten wirken.

Wir machen einen Rundgang durch den Ort und bewundern verschiedene Häuser. Als krönenden Abschluss gibt es in einer Patisserie Kaffee und feinste Törtchen – wir sind ja in Frankreich!

Schokoladentörtchen.

Köstliches Törtchen in der Patisserie.

Über 420 Kehren zum Cirque de Cilaos

So gestärkt nehmen wir die Bergstraße zum Cirque de Cilaos in Angriff. Sie soll 420 Kehren haben. Wir haben uns das Nachzählen geschenkt. Es sind auf jeden Fall sehr viele!

Nach anderthalb Stunden Fahrzeit über die kurvenreiche Straße erreichen wir unser Chambre d’hôtes. Als wir die Autotüren öffnen schauern wir in der kühlen Höhenluft. Hier auf 1100 Meter Höhe herrschen andere Temperaturen als unten an der Küste und wir beeilen uns, unsere kurzen Klamotten gegen etwas Wärmeres zu tauschen.

Eine erste Runde durch den Ort Cialos ist etwas ernüchternd: im Reiseführer als „schmucker Thermalkurort“ beschrieben, hat es seine besten Zeiten ganz offensichtlich hinter sich. Viele Gebäude wirken schäbig. Dem Denkmal des Sänftenträgers vor dem Rathaus fehlt ein Arm, das Hotel des Thermes hat seine Türen schon vor langer Zeit geschlossen. Das Angebot in den kleinen Supermärkten ist begrenzt, die Waren teilweise staubbedeckt.

Begegnung mit der Seidenspinne

Und dann sehen wie SIE: in drei bis vier Meter Höhe hängen mehrere Seidenspinnen, die dort zwischen zwei Bäumen ihre Netze gesponnen haben. Die Spinnen sind groß. Sehr groß. Wir hatten bereits darüber gelesen, dass es sie auf La Reunion in großer Anzahl geben soll. In den Badeorten des Westens hatten wir aber noch keine zu sehen bekommen. Hier oben in den Bergen sieht man sie nahezu überall. Zum Glück sind sie harmlos, außer Touristen zu erschrecken tun sie nix.

Sehr große schwarze Spinne.

Die Seidenspinne sieht gruselig aus, tut aber nix.

Wanderung im Cirque de Cilaos

Am nächsten Morgen bietet sich uns beim Blick aus dem Fenster ein fantastisches Panorama über La Reunion. Die gestern etwas gedämpfte Laune steigt wieder.

Talkessel mit Bergkette und blauem Himmel.

Der Blick aus unserem Fenster.

Im Office de Tourisme lassen wir uns Tourenvorschläge machen und brechen auf zur Wanderung zum Roche Marveilleuse, von wo aus man eine grandiose Aussicht über den gesamten Cirque de Cilaos haben soll.

Die Sonne heizt die kühle Morgenluft bald auf angenehme Temperaturen. Unser Weg führt durch den Wald aufwärts auf gut begehbarem Pfad. Zuerst halten wir noch etwas angespannt Ausschau, ob wir nicht unversehens im Netz einer Seidenspinne landen, das diese vielleicht quer über den Weg gespannt hat. Doch anscheinend sind die Spinnen so schlau, dass sie ihre Netze lieber in größeren Höhen anbringen, wo sie nicht von unachtsamen Wanderern zerstört werden.

Am Roche Marveilleuse auf etwa 1400 Meter angekommen steigen wir auf die Aussichtsplattform und sehen den Cirque de Cilaos in seiner ganzen Ausdehnung. Entstanden aus einem ehemaligen Magmabecken eines alten Vulkans hat er eine nahezu kreisrunde Form. Im Norden erhebt sich der Piton des Neiges, der höchste Berg der Insel. Im Süden öffnet sich der Talkessel zu der Schlucht, durch die uns die Straße geführt hat.

Der Ort Cilaos im Talkessel.

Blick auf Cilaos.

Ein botanischer Lehrpfad kann von hier noch begangen werden. Wir machen die anderthalbstündige Runde durch einen verwunschen wirkenden Wald. Dazwischen immer wieder große Felsen, die mit Moos und Flechten bewachsen sind.

Am Picknickplatz am Roche Marveilleuse verzehren wir unsere Baguettes, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Ein kleiner Abstecher führt uns zum Bassin bleu, ein Wasserbecken in einem Gebirgsbach. Große, vom Wasser glatt geschliffene Granitplatten, die jetzt trocken liegen und die Sonnenwärme gespeichert haben laden noch mal zu einer Runde Faulenzen ein.

Kreolische Küche

Schließlich ziehen Wolken auf und wir treten den Rückweg an. Heute Abend haben wir das Table d’hôtes bestellt. Zum ersten Mal lernen wir die lokale kreolische Küche kennen.

Es gibt Chouchougratin, der ähnlich wie Blumenkohl schmeckt. Chouchou ist ein typisches Gemüse auf La Reunion. Wir haben die hellgrünen Knollen schon oft im Supermarkt gesehen. Nach dem Gratin wird der Hauptgang serviert: Reis, grüne kleine Linsen, eine Spezialität aus Cialos und dazu Carri de boeuf. Carri ist das Nationalgericht, das aus gebratenen Fleisch- oder auch Fischstücken in einer Sauce aus klein geschnittenen Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Gewürzen besteht. Sehr lecker, nur die begleitenden Würzsoßen Rougail und Piment sollte man nur in homöopathischen Dosen nehmen, denn sie sind sehr, sehr scharf.

Wanderung zum Wasserfall Cascades de Bras Rouge

Als wir am Morgen das Fenster öffnen, sehen wir ringsum schon Wolken. Die Gipfel sind in einen dicken weißen Wattemantel gehüllt.

Da der Spaß am Gipfelerklimmen ja zu einem großen Teil darin besteht, die Aussicht von oben genießen zu können, fällt damit der Aufstieg zum Col Taibit aus. Wir müssen uns eine Alternative überlegen. Die Wahl fällt auf die Wanderung zu dem Wasserfall Cascades de Bras Rouge. Da bleiben wir in einer Höhe bleiben, in der wir nicht durch Wolkennebel wandern müssen.

Von Cilaos aus geht es abwärts in einen Bereich, der mit „Anciennes Thermes“ ausgeschildert ist. Von den alten Thermen ist allerdings nicht mehr viel zu erkennen, so dass wir uns nicht mit Sightseeing aufhalten brauchen. Nur die riesigen Gruselspinnen zwischen den Zweigen neben den Weg ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Es geht über viele Stufen abwärts. Unten im Tal rauscht ein Wildbach, ringsum ist tropische Vegatation. Wandelröschen wachsen hier zu großen Hecken heran. Weiter oben haben wir in den Gärten riesige Büsche von Weihnachtsternen gesehen. Eine Spezies, die ich bislang nur als Topfpflanze kannte, die bei mir maximal sechs Wochen überlebte.

Gina steht vor einem großen Strauch des Weihnachtssterns.

So groß kann der Weihnachsstern auf La Reunion werden!

Schließlich erreichen wir einen kleinen Bachlauf, der in zwei Kaskaden herunterfällt. Wir queren über einige Steine das Bachbett und klettern auf die Felsplatten neben die kleine Kaskade, um dort eine Pause einzulegen. Irgendwie hatten wir uns die Cascade de Bras Rouge imposanter vorgestellt als dieses romantisch murmelnde Bächlein.

Marcus sitzt auf einem Felsplateau neben einem kleinen Wasserfall.

Pause am Wasserfällchen.

Nach unserer Pause kehren wir um. Dann beschleichen uns allerdings Zweifel,  ob wir wirklich an der richtigen Stelle waren. Nach kurzer Beratschlagung drehen wir wieder um und laufen zurück Richtung Cascade.

Zweiter Anlauf: Cascades de Bras Rouge

Wir balancieren durch das Bachbett und folgen dem Pfad auf der anderen Seite. Das Rauschen des Wassers wird lauter und nach weiteren zehn Minuten stehen wir wirklich an den Cascades de Bras Rouge.

Oberhalb zeigt sich ein weitgehend trockenes Flussbett aus einem Gewirr von großen Felsbrocken. Direkt vor uns liegen rund- und glatt gewaschene Felsplatten, die von der Gewalt des Wassers zeugen, das hier nach Regenfällen durchfließt. Zwei kleine Rinnsale mit Wasser sind im Moment zu sehen und erst auf den zweiten Blick erkennen wir, dass diese plötzlich verschwinden – wir stehen an der oberen Kante eines gewaltigen Wasserfalls, dessen immense Höhe wir von hier aus gar nicht ermessen können. Die rund geschliffenen Felskanten lassen eine Annäherung an die Abrisskante nicht zu und so können wir nur erahnen, wie tief es hinuntergeht.

Gina steht auf einem Felsplateau, das vor ihr steil abfällt.

Da vorne geht es sehr tief runter…

Abschied vom Cirque de Cilaos

Am nächsten Morgen lacht wieder die Sonne, als hätte der gestrige Spuk nie stattgefunden. Wir freuen uns, bei bestem Wetter die Panoramastraße runterfahren zu können.

Bei der Fahrt Richtung Küste staunen wir wieder über das großartige Panorama, das sich uns bietet und bei jeder Kurve wechselt. Der Weg kommt uns viel kürzer vor als auf der Hinfahrt.

Die Küstenstadt St. Pierre

Als Zwischenziel haben wir uns St. Pierre ausgeguckt, eine quirlige Küstenstadt.
Hier besichtigen wir kurz nacheinander eine Moschee und eine Pagode.

In der Moschee geht es sehr entspannt zu. Wir lugen erst vorsichtig in den Eingang, da wir uns nicht sicher sind, ob wir sie besichtigen dürfen. Da winkt uns schon ein freundlicher Mann herein.

Wir ziehen unsere Schuhe aus, weitere Kleidungsvorschriften gibt es offensichtlich nicht. Ich muss mir kein Kopftuch überwerfen und auch die kurzärmelige Bluse ist kein Problem. Wir schauen uns den Gebetsraum und das Untergeschoss an, wo Becken für die rituellen Waschungen sind.

Gebetsraum der Moschee.

Gebetsraum der Moschee.

Roter Schrein mit goldener Buddhafigur.

Pagode in St. Pierre.

Ein Hindutempel wäre auch noch zu besichtigen gewesen, war aber wegen Bauarbeiten geschlossen. Es gibt auf jeden Fall eine große Vielfalt an Religionen hier auf La Reunion, die offensichtlich friedlich nebeneinander existieren.

An der Strandpromenade schlendern wir zurück. Draußen bricht sich wie immer eine eindrucksvolle Brandung. Eine Gruppe Kitesurfer tobt sich aus und wir setzen uns auf eine Bank, um ihre waghalsigen Manöver und Sprünge zu beobachten.

Eine andere Spezies erregt unsere Aufmerksamkeit: die hiesigen Spatzen, nach ihrem Ruf Tec-Tec genannt scharen sich zuverlässig um einen, wenn sie Brocken von einem Picknick erhoffen. Dabei reicht für ihre Hoffnung ofensichtlich bereits, wenn man sich auf einer Bank niederlässt und sie hüpfen fast ohne jegliche Scheu um einen herum und stoßen ihren charakteristischen Ruf aus.
Ein anderer Vogel, den man auf Reunion ständig antrifft ist der Dodo. Auch wenn er längst ausgestorben ist, lebt er als Wappentier der heimischen Biermarke wohl für immer fort.

Werbeplakat für Dodo-Bier.

Der Dodo ist da!

Unser nächstes Ziel ist der Vulkan Piton de la Fournaise.