Vom Inle See nach Mrauk U – der Weg ist das Ziel

Um nach Mrauk U zu gelangen, wollen wir das Schiff von Sittwe aus nehmen. Zwei recht entspannte Flüge bringen uns von Nyaung Shwe über Thandwe nach Sittwe.

Per Flieger über Myanmar

Birmanisch fliegen

In birmanischen Inlandsflughäfen kommt man weitgehend ohne Elektronik und komplizierte Technik aus. Kein Computer, kein Drucker für Bordkarten oder Gepäckanhänger, keine Förderbänder fürs Gepäck und erst recht keine elektronische Anzeigetafel.

Hier wird kein Zeitungsabo verkauft, das ist der Check-In-Schalter

Die Passagierliste ist handgeschrieben, die Koffer werden von Arbeitskräften vom Schalter bis zum Gepäckwagen getragen, dieser wird zu Fuß übers Rollfeld zum Flugzeug geschoben. Als wir einchecken, bekommen wir neben unserer handgeschriebenen Bordkarte einen kleinen Aufkleber auf die Kleidung, auf dem unsere Flugnummer steht. Ein bisschen wie Kindergartenkinder, die einen Anhänger mit ihrer Adresse um den Hals bekommen, damit sie nicht verloren gehen.

Klein Marcus möchte im Flug 422 mitfliegen ?

Der Flug wird mit einem Megaphon aufgerufen. Eine etwa siebzig Passagiere fassende Propellermaschine steht bereit. Es ist freie Sitzplatzwahl und es gibt erstaunlich viel Beinfreiheit, auch für unsere langen europäischen Beine. Während des kurzen, knapp einstündigen Fluges wird ein Getränk und Kuchen serviert.

Flugbegleiterin in traditioneller Uniform

Sittwe

So erreichen wir am Nachmittag Sittwe.

Das Flughafengebäude von Sittwe ist immerhin schon halb fertig

Im Vergleich zum relativen entspannten Nyaung Shwe geht es hier deutlich hektischer zu. Motorroller, Tuktuks, Pickups, Trishaws, röhrende Lastwagen, Autos und Fahrräder, alles wuselt durcheinander in einem ohrenbetäubenden Hupkonzert.

Im Tuktuk durchs Verkehrsgewusel

Wir werden unverhohlen angestarrt, viele Touristen verirren sich noch nicht in diese Gegend. Der Rakhine-Staat im westlichen Myanmar wurde immer wieder von Unruhen erschüttert. Es gab blutige Konflikte zwischen Buddhisten und Moslems, eine Zeitlang war es eine No-go-Area für Touristen. Wir meinen, eine latent aggressive Grundstimmung zu spüren, aber vielleicht bilden wir uns das nur ein. Jedenfalls schlägt und nicht so eine offene, vorbehaltlose Freundlichkeit entgegen wie wir das in anderen Gegenden Myanmars erlebt haben.

Angeblich soll jeden Tag um acht Uhr morgens ein privates Boot als Sammeltaxi nach Mrauk U fahren. Wir verbringen den Rest des Nachmittags mit dem Versuch herauszufinden, ob das so ist und wie wir Karten dafür bekommen. Leider vergeblich. So entscheiden wir uns für das staatliche Schiff, auch Slow Boat genannt, da es vier bis fünf Stunden nach Mrauk U braucht – vorausgesetzt, es geht nichts kaputt unterwegs.

Mit dem Slow Boat nach Mrauk U

Um kurz vor halb sieben werden wir mit einem Tuktuk zum Anleger gefahren. Es ist noch ganz schön kalt um diese Zeit und auf der offenen Ladefläche des Tuktuk zieht es unangenehm. Der Fahrer zeigt uns die unscheinbare Holzbude, in der wir die Fahrkarten erwerben können.

An einem groben Holzsteg liegt das Schiff, dessen bessere Zeiten schon lange zurückliegen. Der Begriff „Seelenverkäufer“ fällt mir spontan dazu ein. Naja, es geht ja nicht aufs offene Meer.

Das bisschen Rost…

Leider liegt das Schiff nicht direkt am Steg. Etwa zwei Meter muss man über eine Planke balancieren, unter sich das schmutzig-braune Wasser des Flusses. Die Einheimischen laufen behende wie die Eichhörnchen über das schmale Brett, auch mit Lasten auf dem Kopf oder auf der Schulter. Ich dagegen scheue zurück wie das Pferd vor der Schlange. Balancieren ist so gar nicht meins und erst recht nicht mit dem schweren Backpack. Aber es hilft ja nichts, es ist der einzige Weg an Bord. Also gebe ich eine sehr unsouveräne Vorstellung, als ich mich mit unsicheren Tippelschritten über die Planke taste und dabei versuche, NICHT daran zu denken, wie schnell ich mit 16 Kilo auf dem Rücken untergehen würde.

Die Planke des Grauens

Auf dem unteren Deck sitzen und hocken schon viele Einheimische, dazu Säcke und Kisten, einige Mopeds und Fahrräder. Wir werden auf das obere Deck gebeten. Dort stehen etwa hundert schwere Deckstühle, nach einem erratischen System mit Nummern versehen. Es ist reichlich Platz, nur eine Handvoll Passagiere reist auf dem Oberdeck. Dennoch läuft der Mitarbeiter mit unseren Tickets in der Hand durch die Reihen, bis er die Stühle gefunden hat, deren Nummern auf den Karten vermerkt sind. Hier auf diesem rostigen Schiff gibt es das, was im Flieger nicht geht: feste Sitzplätze.

Reichlich Platz auf dem Oberdeck
Entspanntes Reisen

Unter lautem Tuten legt das Schiff pünktlich um sieben Uhr ab. Da die Taue an den Pfählen unter dem Steg befestigt sind, muss ein Arbeiter ins Wasser steigen, um das Schiff loszubinden.

Dieser Teil des Ablegemanövers klärt auch die Frage, ob und was der Mann unterm Longyi trägt ?

Ein grandioses Schauspiel beginnt: ein riesiger Schwarm Möwen taucht plötzlich auf und umkreist das Schiff. Dabei fliegen sie so dicht an uns vorbei, dass wir sie anfassen könnten. Wenn wir schnell genug wären. Wieder und wieder kreisen sie kreischend an Backbord vorbei und begleiten uns eine halbe Stunde lang. Ich vermute, dass nach dem Ablegen irgendwelche Abfälle über Bord gekippt werden, über die sie sich hermachen.

Eine von vielen Möwen, die um das Schiff kreisen

Gemütliche Fahrt über den Fluss

Wir fahren aus dem kleinen Kanal, in dem sich der Anleger befand aufs Meer und biegen dann gleich wieder in den großen Fluss ein. Mehrfach passieren wir im Wasser schwimmende, parallele Holzstämme. Vermutlich sind da Fischernetze dran befestigt. Rechts und links breitet sich die flache Landschaft aus. Wasserbüffel weiden nahe dem Ufer. Ab und zu sehen wir einfache Hütten, in denen Menschen leben. Kleine, schmale Boote tuckern vorbei. Auf den Feldern verrichten Bauern ihre Tätigkeit.

Wasserbüffel am Ufer
Bauern bei der Arbeit
Auf dem Weg zum Markt

Das Buch in meiner Hand bleibt ungelesen, zu interessant ist das Panorama rechts und links. Fasziniert beobachten wir diese uns fremde Welt. So vergeht die vierstündige Fahrt wie im Fluge. Von dem breiten Fluss biegen wir in einen schmaleren Flusslauf ab. Die grünen Ufer rücken näher.

Der Fluss wird schmaler

Der Fluss wird immer enger und gerade, als wir uns fragen, ob das Schiff wohl so lange fährt, bis es stecken bleibt, erreichen wir den Anleger von Mrauk U. Dort steht schon eine große Menschenmenge bereit. Unter lautem Geschrei wird das Schiff an den Anleger manövriert. Leinen fliegen und werden aufgefangen, schließlich ist alles vertäut.

Das Begrüßungskomitee

Ich bin sehr erleichtert, dass beim Aussteigen kein nervenaufreibender Balanceakt nötig ist. Wir sind in Mrauk U angekommen. (G)

 

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