Mrauk U, alte Königsstadt im Dornröschenschlaf   

Mrauk U (sprich: Miauu), in einer entlegenen Ecke des Rakhine-Staats im Westen Myanmars gelegen, war einst die Hauptstadt eines großen Reiches. Ähnlich wie in Bagan wurden hier unzählige Tempel gebaut, deren teils imposante Reste in der Landschaft stehen. Auch im Ort selber stolpert man über kleine und große Stupas.

Berge, Wälder, Pagoden…

Vielleicht wird hier eines Tages genauso ein Touristenmagnet entstehen wie in Bagan. Zur Zeit geht es noch sehr beschaulich zu, da Mrauk U schwierig zu erreichen ist und im Rakhine-Staat immer wieder Unruhen auftraten, so dass das Gebiet zeitweise für Ausländer gesperrt war.

Ankunft in Mrauk U

Das ist hier der Taxi-Standard

Mit einem Moto-Pickup rumpeln wir über die unebenen Straßen von der Anlegestelle des Schiffes zum Hotel. Wir beziehen einen Bungalow mit einer kleinen Veranda, auf der wir gemütlich sitzen können.

Gemütlicher Bungalow
Seerosen im Teich

Vor uns ein Seerosenteich. Okay, ein rechteckiges Betonbecken mit Seerosen drin, die wir sehen könnten, wenn sie die Betonwände einen halben Meter niedriger gemacht hätten. Typisch Myanmar. 

An einer kleinen Garküche suchen wir mittels der Topfgucker-Methode unser Essen aus. An einfachen Holztischen sitzen wir auf Plastikhockern und bekommen viele Schälchen mit verschiedenen Beilagen zu unserem Curry serviert. Es schmeckt ausgezeichnet.

Garküche
Vielfältig gedeckter Tisch

Als wir fertig sind, setzt sich ein junger Mann zu uns. Er möchte die Gelegenheit nutzen, sein Englisch zu üben. Wir unterhalten uns eine Weile, er erzählt, dass seine Frau Lehrerin ist, er lieber selbständig arbeitet. Er hat sich einen Lastwagen gekauft und ist nun Spediteur für Baumaterial im Straßenbau. Der Lastwagen steht ein paar Meter weiter auf der Straße, ein rostiges, antiquiertes Ungetüm, bei dessen Anblick ein deutscher TÜV-Prüfer einen Kollaps erleiden würde. Für den jungen Mann ist es seine Lebensgrundlage, auf die er sichtlich stolz ist.  

Okay, ganz so rostig war der Lkw des jungen Spediteurs nicht ?

Den Nachmittag verbringen wir damit, die staubige Stadt zu erkunden. Eine Herausforderung ist es, die Post zu finden, denn wir wollen endlich unsere Postkarten losschicken. Der Rezeptionist unseres Hotels beschreibt uns, wo wir das Postamt finden würden. Leider nicht so einfach. Wir sind sicher, auf dem richtigen Straßenabschnitt zu sein, wissen aber nicht den genauen Standort. In einem großen Hotel fragen wir nach. Nein, hier gäbe es keine Post in der Nähe, wird uns versichert. Wo denn? – Am Fähranleger, also am anderen Ende der Stadt. Es kommt uns ein bisschen so vor, als wolle man uns möglichst weit wegschicken. 

Wir gehen zurück und kurz nachdem wir das Hotel hinter uns gelassen haben, fällt mir ein kleines Häuschen auf, einige Meter von der Straße zurückgesetzt. Es sieht aus wie ein kleines Bauernhaus, aber ich sehe, wie sich gerade ein Mann von dem offenen Fenster abwendet und zur Straße kommt. Sollte das der Postschalter sein? Wir gehen hinunter und siehe da, wir haben die Post gefunden! Kein Logo weist darauf hin, das Schild in birmanischer Schrift am Zaun können wir ja nicht lesen.

Nach diesem Erfolg schauen wir uns noch den Markt an, kaufen etwas Obst und ein paar Pfannkuchen und kehren zum gemütlichen Kaffee auf unsere Veranda zurück.

Viele, viele Tempel…

Am nächsten Tag geht es zur Tempelbesichtigung. Reichlich Auswahl haben wir ja. Wir entscheiden uns für den nordwestlichen Bereich, dort erscheint uns die Tempeldichte besonders hoch.

Viele Stufen führen zum Tempel empor

Der erste Tempel, den wir besuchen, liegt auf einem Hügel am Rand des ehemaligen Königspalasts, von dem nur noch die Grundmauern zu sehen sind. Schon unten am Eingang zum Gelände heißt es Schuhe ausziehen. Barfuß erklimmen wir viele raue Stufen, bis wir den Tempel erreichen. Ein schöner Blick über die Stadt und Umgebung belohnt uns. Überall sieht man die charakteristischen Spitzen der Chedis hervorragen. Während wir dort sitzen und die Aussicht genießen, kommt ein Mann auf uns zu und spricht uns an. Sein Englisch ist etwas schwer zu verstehen, daher dauert es eine Weile, bis er uns sein Anliegen verständlich machen kann. Er sammelt Postkarten aus aller Welt und bittet uns, ihm eine zu schicken, wenn wir wieder zu Hause sind. Das werden wir gerne tun!

Der Postkartensammler von Mrauk U

Die Suche nach dem Haupttempel von Mrauk U, dem Shittaung Tempel, erweist sich als schwierig. Die fotokopierte Karte, die wir im Hotel erhalten haben ist recht unübersichtlich. So besichtigen wir mehr unabsichtlich zwei weitere Pagoden, bis wir endlich den Shittaung Tempel finden. 1536 erbaut, wurde er vor einiger Zeit mit viel Beton restauriert, was sein Äußeres eher trist erscheinen lässt.

Beispiel für eine eher misslungene Restaurierung. Innen wird es besser…

Eine lange Treppe führt empor zum Heiligtum. Die Wände und Holzdecken sind bunt bemalt, überall sitzen unzählige Buddhas auf den Simsen. Eine große, goldglänzende Buddhafigur befindet sich in der kleinen zentralen Kammer.

Bunt bemalte Holzdecke
Eindrucksvoll: Der goldene Buddha im zentralen Heiligtum

Am faszinierendsten sind die inneren Galerien, die wir beinahe übersehen hätten. Eine kleine, unscheinbare Türöffnung führt in katakombenartige Gänge, die sich spiralförmig um die zentrale Kammer winden. Buddha neben Buddha sitzt dort, in einer schier endlosen Reihe. Der Tempel hat den Beinamen „Tempel der 80.000 Buddhas“. Die Galerie endet in einer kleinen Kammer mit ein paar goldenen Buddhastatuen.

Lange Gänge voller Buddhastatuen
Die innerste Kammer

Gleich gegenüber der Straße wartet schon der nächste Tempel auf uns, der Htukkant Thein Tempel. Dunkel und massiv wirkt er von außen wie eine mittelalterliche Festung. Wieder geht es eine Treppe hinauf, bevor wir den Eingang erreichen. Ein spiralförmiger Wandelgang ist mit verschiedenen Buddhastatuen gesäumt. Aber auch andere Skulpturen, die Adelige aus der mittleren Mrauk U Periode zeigen, sind zu sehen. Anhand dieser Figuren kann man Rückschlüsse auf die damalige Kleidung, Frisuren und Schmuck ziehen. Der Wandelgang führt zu einer zentralen Kammer, über eine steile Treppe mit hohen Stufen zu erreichen. Dort sitzt eine große goldene Buddhafigur mit den für Myanmar typischen Neon-Lichtspielen um den Kopf. Dafür haben sie extra Strom hier reingelegt!

Wandelgang mit Gruftatmosphäre
Ohlala! Die Damenmode schien recht freizügig gewesen zu sein
Bemalter Buddha im Wandelgang
Es glänzt und blinkt

Noch einige weitere Tempel erkunden wir an diesem Tag. Doch schließlich protestiert mein immer noch etwas lädiertes Knie nach dem vielen Treppensteigen und wir kehren auf unsere schöne Veranda zurück.

Alltag in Mrauk U

Die nächsten zwei Tage laufen wir im Ort und der näheren Umgebung herum und lassen uns treiben. Im Süden entdecken wir einen beschaulichen See, daneben Reste der alten Stadtbefestigung.

See und noch ein paar Tempel

Auch im Nordosten der Stadt gibt es Überreste der Stadtmauer zu sehen. Daneben natürlich weitere Tempel. Am interessantesten ist es jedoch, durch die kleinen Straßen zu laufen und zu sehen, wie die Menschen leben.

Die Häuser sind oft auf Pfählen gebaut, gewohnt wird im Obergeschoss. Das „Erdgeschoss“ ist einfach der offene Raum unter dem oberen Stockwerk. Hier werden Vorräte gelagert und die Familie trifft sich, um im Schatten auszuruhen, zu essen oder Arbeit zu verrichten. Neben diesen traditionellen, einfachen Häusern gibt es massive Steinhäuser der Kolonialzeit. Mit hübschen Balkons und schön angestrichen machen sie meist einen gepflegten Eindruck.

Traditionelles Haus auf Pfählen
Adrettes Kolonialhaus

Wasser wird aus Brunnen oder Teichen geschöpft. Mit Hilfe von typischen Metallgefäßen transportieren die Frauen es nach Hause. Auch die Körperhygiene wie Waschen und Zähneputzen erfolgt an diesen öffentlichen Wasserquellen. Beim Waschen wird der Longyi über der Brust gebunden, um den Anstand zu wahren.

Wasserschöpfen am Brunnen
Auf Kopf und Hüfte werden die Wasserkrüge nach Hause transportiert
Oder so

Erwachsene starren uns an, wenn wir vorbei gehen. Kinder winken uns zu und rufen „Hello“ oder „Bye bye“ und lachen fröhlich. Frauen hocken vor kleinen Essensständen und bereiten frittierte Bananen oder Maisfladen zu. Wenn wir etwas kaufen, ist die Verständigung nur mit Händen und Füßen möglich.

Vor einem Zaun liegt eine große Sau am Straßenrand, ein Muster an Tiefenentspannung. Hühner und Ziegen laufen herum.

Fühlt sich sauwohl ?

Als wir eine Brücke über einen kleinen Fluss überqueren, sehen wir Männer, die Bambus flößen. Der Flößer lacht zu uns herauf, mit ein paar Brocken Englisch fragt er, wo wir herkommen.

Bambusflößer

Wieder in der Stadt faszinieren uns die vielen Fahrzeuge, die unterwegs sind. Abenteuerlich beladene Lastwagen. Trishaws (eine Art Rikscha), mit denen sich sonnenbeschirmte Frauen fahren lassen. Motorroller mit drei bis fünf Personen drauf. Es gibt, glaube ich, nichts, was sich nicht mit einem Motorroller transportieren lässt.

Eine typische Trishaw
Transportprobleme? Gibt’s hier nicht…

Ein für uns ungewöhnlicher Anblick sind Frauen, die im Straßenbau arbeiten. In Longyi und Flipflops schippen zarte Geschöpfe Sand und Schotter, schleppen schwere Eimer mit Kies. Hilfsmittel wie Schubkarren oder Kräne sehen wir nicht.

Frauen im Straßenbau…
… sind kein seltener Anblick

Zu sehen, wie diese Menschen mit fröhlicher Selbstverständlichkeit ihr einfaches Leben bewältigen, ist für uns unglaublich interessant. Dagegen verblassen so einige Probleme, die wir in unserer hoch technisierten Welt zu haben glauben. (G)

 

 

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