Über 420 Kehren zum Cirque de Cilaos

Es geht weiter Richtung Süden. Da wir genug Zeit haben, nehmen wir für unsere Weiterreise statt der landeinwärts verlaufenden Autobahn die Küstenstraße. Es geht noch durch einige beschauliche Badeorte mit schönen Stränden.  Dann wandelt sich langsam das Bild, die Küste besteht aus schwarzem, schroffen Lavagestein, an dem sich eine gewaltige,  weißschäumende Brandung bricht. An manchen Stellen bilden sich sogenannte Souffleurs: das Wasser drückt unter die Felsen bis zu einem Loch, durch das es in gewaltigen Fontänen senkrecht nach oben gepresst wird.

Le Gouffre
Le Gouffre

An einer solchen wildromantischen Stelle der Küste finden wir einen Picknickplatz, an dem wir unsere Mittagsrast einlegen. Hier befindet sich Le Gouffre, ein Felsbecken im schwarzen Gestein, durch einen schmalen Kanal zum Meer hin wird die tosende Brandung hier herein gedrückt, die Wassermassen explodieren geradezu an den Felswänden. Uns läuft ein Schauer über den Rücken, als wir ringsum Kreuze und Gedenksteine entdecken, die für diejenigen, die hier den Freitod gesucht haben aufgestellt wurden. Wie groß muss die Verzweiflung sein, um in ein solches Höllenloch zu springen?

Westküste

Der malerische Ort L’Entre-Deux gilt als das schönste kreolische Dorf auf Reunion. Auf einem Hochplateau zwischen zwei tiefen Schluchten gelegen und dadurch lange Zeit recht abgeschieden hat sich hier viel Ursprünglichkeit erhalten.

Entre-Deux
L’Entre-Deux

Die kreolischen Häuser sind aus bunt angestrichenem Holz gebaut, mit typischen Dekorelementen und Schnitzereien,  wie eine durchbrochene  Schutzblenden an den Dachkanten, die wie eine Spitzenborte wirken.

Typisch kreolisches Haus in L'Entre-Deux
Typisch kreolisches Haus in L’Entre-Deux

Wir machen einen Rundgang durch den Ort und bewundern verschiedene Häuser. Als krönenden Abschluss gibt es in einer Patisserie Kaffee und Törtchen – wir sind ja in Frankreich!

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So gestärkt nehmen wir die Bergstraße nach Cialos in Angriff. Sie soll 420 Kehren haben, wir haben uns das Nachzählen geschenkt. Es sind auf jeden Fall sehr viele!

Nach anderthalb Stunden Fahrzeit über die kurvenreiche Straße erreichen wir unser Chambre d’hôtes. Als wir die Autotüren öffnen schauern wir in der kühlen Höhenluft. Hier auf 1100 Meter Höhe herrschen andere Temperaturen als unten an der Küste und wir beeilen uns, unsere kurzen Klamotten gegen etwas Wärmeres zu tauschen.

Eine erste Runde durch Cialos ist etwas ernüchternd: im Reiseführer als „schmucker Thermalkurort“ beschrieben, hat es seine besten Zeiten ganz offensichtlich hinter sich. Viele Gebäude wirken schäbig, dem Denkmal des Sänftenträgers vor dem Rathaus fehlt ein Arm, das Hotel des Thermes hat seine Türen schon vor langer Zeit geschlossen. Das Angebot in den kleinen Supermärkten ist begrenzt, die Waren teilweise staubbedeckt.

Und dann sehen wie SIE: in drei bis vier Meter Höhe hängen mehrere Seidenspinnen, die dort zwischen zwei Bäumen ihre Netze gesponnen haben. Die Spinnen sind groß. Sehr groß. Wir hatten bereits über sie gelesen, aber in den Badeorten des Westens noch keine zu sehen bekommen. Hier oben in den Bergen sieht man sie nahezu überall. Zum Glück sind sie harmlos, außer Touristen zu erschrecken tun sie nix.

Seidenspinne, handtellergroß
Seidenspinne, handtellergroß

Am nächsten Morgen bietet sich uns ein fantastisches Panorama beim Blick aus dem Fenster und die gestern etwas gedämpfte Laune steigt wieder.

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Im Office de Tourisme lassen wir uns Tourenvorschläge machen und brechen auf zur Wanderung zum Roche Marveilleuse, von wo aus man eine grandiose Aussicht über den gesamten Cirque haben soll. Die Sonne heizt die kühle Morgenluft bald auf angenehme Temperaturen. Unser Weg führt durch den Wald aufwärts auf gut begehbarem Pfad. Zuerst halten wir noch etwas angespannt Ausschau, ob wir nicht unversehens im Netz einer Seidenspinne landen, das diese vielleicht quer über den Weg gespannt hat. Doch anscheinend sind die Spinnen so schlau, dass sie ihre Netze lieber in größeren Höhen anbringen, wo sie nicht von unachtsamen Wanderern zerstört werden.

Am Roche Marveilleuse auf etwa 1400 Meter angekommen steigen wir auf die Aussichtsplattform und sehen den Cirque in seiner ganzen Ausdehnung. Entstanden aus einem ehemaligen Magmabecken eines alten Vulkans hat er eine nahezu kreisrunde Form. Im Norden erhebt sich der Piton des Neiges, der höchste Berg der Insel, im Süden öffnet sich der Talkessel zu der Schlucht, durch die uns die Straße geführt hat.

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Ein botanischer Lehrpfad kann von hier noch begangen werden. Wir machen die anderthalbstündige Runde durch einen verwunschen wirkenden Wald. Dazwischen immer wieder große Felsen, die mit Moos und Flechten bewachsen sind.

Am Picknickplatz am Roche Marveilleuse verzehren wir unsere Baguettes, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Ein kleiner Abstecher führt uns zum Bassin bleu, ein Wasserbecken in einem Gebirgsbach. Große, vom Wasser glatt geschliffene Granitplatten, die jetzt trocken liegen und die Sonnenwärme gespeichert haben laden noch mal zu einer Runde Faulenzen ein.

Schließlich ziehen Wolken auf und wir treten den Rückweg an. Heute Abend haben wir das Table d’hôtes bestellt. Zum ersten Mal lernen wir die lokale creolische Küche kennen. Es gibt Chouchougratin, der ähnlich wie Blumenkohl schmeckt. Chouchou ist ein typisches Gemüse, wir haben die hellgrünen Knollen schon oft im Supermarkt gesehen. Nach dem Gratin wird der Hauptgang serviert: Reis, grüne kleine Linsen, eine Sezialität aus Cialos und dazu Carri de boeuf. Carri ist das Nationalgericht, das aus gebratenen Fleisch- oder auch Fischstücken in einer Sauce aus klein geschnittenen Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Gewürzen besteht. Sehr lecker, nur die begleitenden Würzsoßen Rougail und Piment sollte man nur in homöopathischen Dosen nehmen, denn sie sind sehr, sehr scharf.

Als wir am Morgen das Fenster öffnen, sehen wie ringsum schon Wolken, die Gipfel sind in einen dicken weißen Wattemantel gehüllt. Da der Spaß am Gipfelerklimmen ja zu einem großen Teil darin besteht, die Aussicht von oben genießen zu können fällt damit der Aufstieg zum Col Taibit aus und wir müssen uns eine Alternative überlegen. Die Wahl fällt auf die Wanderung zu den Cascades de Bras Rouge, da wir damit in einer Höhe bleiben, in der wir nicht durch Wolkennebel wandern müssen.
Von Cilaos aus geht es abwärts in einen Bereich,  der mit „Anciennes Thermes“ ausgeschildert ist. Von den alten Thermen ist allerdings nicht mehr viel zu erkennen, so dass wir uns nicht mit Sightseeing aufhalten brauchen. Nur die riesigen Gruselspinnen zwischen den Zweigen neben den Weg ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Es geht über viele Stufen abwärts. Unten im Tal rauscht ein Wildbach, ringsum ist tropische Vegatation. Wandelröschen wachsen hier zu großen Hecken heran. Weiter oben haben wir in den Gärten riesige Büsche von Weihnachtsternen gesehen, eine Spezies, die ich bislang nur als Topfpflanze kannte, die bei mir maximal sechs Wochen überlebte.

XXL-Weihnachtsstern
XXL-Weihnachtsstern

Schließlich erreichen wir einen kleinen Bachlauf, der in zwei Kaskaden herunterfällt. Wir queren über einige Steine das Bachbett und klettern auf die Felsplatten neben die kleine Kaskade, um dort eine Pause einzulegen. Irgendwie hatten wir uns die Cascade de Bras Rouge imposanter vorgestellt als dieses romantisch murmelnde Bächlein.

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Nach unserer Pause kehren wir um, dann beschleichen uns allerdings Zweifel,  ob wir wirklich an der richtigen Stelle waren. Nach kurzer Beratschlagung drehen wir wieder um und laufen zurück Richtung Cascade. Wir balancieren durch das Bachbett und folgen dem Pfad auf der anderen Seite. Das Rauschen des Wassers wird lauter und nach weiteren zehn Minuten stehen wir wirklich an den Cascades de Bras Rouge. Oberhalb zeigt sich ein weitgehend trockenes Flussbett aus einem Gewirr von großen Felsbrocken. Direkt vor uns liegen rund- und glattgewaschene Felsplatten, die von der Gewalt des Wassers zeugen, dass hier nach Regenfällen durchfließt. Zwei kleine Rinnsale mit Wasser sind im Moment zu sehen und erst auf den zweiten Blick erkennen wir, dass diese plötzlich verschwinden – wir stehen an der oberen Kante eines Wasserfalls, dessen immense Höhe wir von hier aus gar nicht ermessen können. Die rund geschliffenen Felskanten lassen eine Annäherung an die Abrisskante nicht zu und so können wir nur erahnen, wie tief es hinuntergeht.

Da geht es ganz tief runter!
Da geht es ganz tief runter!

Am nächsten Morgen lacht wieder die Sonne, als hätte der gestrige Spuk nie stattgefunden. Wir freuen uns, bei bestem Wetter die Panoramastraße runterfahren zu können.

Bei der Fahrt Richtung Küste staunen wir wieder über das großartige Panorama, das sich uns bietet und bei jeder Kurve wechselt. Der Weg kommt uns viel kürzer vor als auf der Hinfahrt.

Als Zwischenziel haben wir uns St. Pierre ausgeguckt, eine quirlige Küstenstadt.
Hier besichtigen wir kurz nacheinander eine Moschee und eine Pagode.

Pagode in St. Pierre
Pagode in St. Pierre
Moschee in St. Pierre
Moschee in St. Pierre

Ein Hindutempel wäre auch noch zu besichtigen gewesen, war aber wegen Bauarbeiten geschlossen. Es gibt auf jeden Fall eine große Vielfalt an Religionen hier in Reunion, die offensichtlich friedlich nebeneinander existieren.

An der Strandpromenade schlendern wir zurück. Draußen bricht sich wie immer eine eindrucksvolle Brandung. Eine Gruppe Kitesurfer tobt sich aus und wir setzen uns auf eine Bank, um ihre waghalsigen Manöver und Sprünge zu beobachten.

Eine andere Spezies erregt unsere Aufmerksamkeit: die hiesigen Spatzen, nach ihrem Ruf Tec-Tec genannt scharen sich zuverlässig um einen, wenn sie Brocken von einem Picknick erhoffen. Dabei reicht für ihre Hoffnung ofensichtlich bereits, wenn man sich auf einer Bank niederlässt und sie hüpfen fast ohne jegliche Scheu um einen herum und stoßen ihren charakteristischen Ruf aus.
Ein anderer Vogel, den man auf Reunion ständig antrifft ist der Dodo. Auch wenn er längst ausgestorben ist, lebt er als Wappentier der heimischen Biermarke wohl für immer fort 😉

(G)

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zum Vulkan….